Virtuelle Museen? Eine Definitionsfrage!

Im November 2013 habe ich die Betreuung des virtuellen Museum des LWL-Museum für Kunst und Kultur übernommen. Ein Projekt, dessen Entwicklung ich seit Anfang 2012 aktiv verfolgt habe. Damals hatte das Museum gemeinsam mit der WWU Münster einen Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Unterstützt durch eine PowerPoint Präsentation konnte jeder seine Idee vom idealen virtuellen Museum einreichen. Tatsächlich habe ich es damals unter die besten drei Vorschläge geschafft.

Mittlerweile habe ich einige Vorträge zum virtuellen Museum gehalten. Den letzten beim #kmtreff vom Kulturmanagement Network. Davor beim stARTcamp Münster und einem Bloggertreffen. Die anschließenden Diskussionen und zuletzt der Beitrag von Christian Henner-Fehr zum Thema haben mich nachdenklich gemacht.

Das Thema virtuelle Museen oder Ausstellungen beschäftigt den Kulturbereich. Schlagwörter wie Augmented Reality, Storytelling oder Smartplace schwirren durch den Raum. Jedoch fällt mir immer wieder auf, dass die Meinungen was ein virtuelles Museum eigentlich ist, weit außeinander gehen. Es gibt keine klare Definition worum es sich bei einem virtuellen Museum eigentlich handelt und damit keine gute Grundlage für eine konstruktive Diskussion.

Bei dem Projekt Museum 24/7 wurde die Idee sehr wörtlich genommen. Es wurde ein virtueller Raum geschaffen, der ähnlich einem Computerspiel das reale Museumserlebnis imitiert. Im Gegensatz zum Google Art Project handelt es sich nicht um einen rein abfotografierten realen Raum, sondern um einen ganz eigenen. Aber ist es notwendig, dass reale Erlebnis zu imitieren? Braucht man für eine virtuelle Ausstellung Wände oder reicht es Bilder online zu zeigen. Und ab wann kann ich von einem virtuellen Museum sprechen?

In diesem Zusammenhang wird als Paradebeispiel des virtuellen Museums in jeder Diskussion zum Thema immer das Rijksmuseum in Amsterdam genannt. Dort wurden 150.000 Werke der Sammlung online gestellt. Hochaufgelöst ermöglicht Rijksstudio dem User die Werke nicht nur zu teilen, liken oder anzuschauen, sondern als eigene Sammlung zu verschiedenen Themen zu speichern. Zudem kann jedes Werk als Postkarte, Poster oder Handyhülle bestellt werden. Dies ist vor allem interaktiv und es macht Spaß. Trotzdem würde ich dieses erfolgreiche Projekt eher als virtuelle Sammlung kategorisieren und nicht als virtuelles Museum.

Selbstverständlich kommt hier die Frage ins Spiel, was eine Ausstellung ist. In ein virtuelles Museum gehört für mich eine Ausstellung, Das bietet mir das Rijksmuseum tatsächlich nicht. Natürlich werden auch hier Informationen zu den einzelnen Werken präsentiert, diese stehen jedoch nicht im Vordergrund. Die Auswahl, die ich mir als User abspeichern kann, stellt auch meine persönliche Sammlung zu einem bestimmten Thema aus der Sammlung des Museums dar und keine eigene Ausstellung.

Von einer digitalen Sammlung haben Forscher einen großen Vorteil. Ein virtuelles Museum mit einer kuratierten Ausstellung bietet ihnen weniger Mehrwert, wenn hier nicht gerade die Bilder hängen, die sie aus der jeweiligen Sammlung für ihre eigenen Projekte suchen. Als Kunsthistorikerin begeistern mich digitale Sammlungen, weil sie mir den Zugriff auf verschiedene Kunstwerke ermöglichen zu denen ich nicht „mal eben“ hinreisen kann.

Also warum überhaupt virtuelle Museen? Weil hier im Gegensatz zu einer virtuellen Sammlung, die einfach eine riesige Menge Objekte abbildet, umfassende Vermittlungsarbeit geleistet werden kann. Wenn ich einen Raum schaffe, in dem sich die Besucher bewegen können, kann ich virtuelle Führungen anbieten. Die Besucher können sich mit den Mitarbeitern, aber auch untereinander austauschen und vernetzen. Es besteht die Möglichkeit von Schulklassen im Unterricht den Museumsbesuch vorzubereiten. Die Möglichkeit gemeinsam Kunst zu erleben, jenseits von Barrieren und Öffnungszeiten, ist hier viel größer als in einer digitalen Sammlung.

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Veröffentlicht von

Michelle vanderVeen

Kunstgeschichte & Literaturwissenschaft I #marketing @kerberverlag | #blogger @MuseumLifestyle | Goldener Blogger 2015

8 Gedanken zu „Virtuelle Museen? Eine Definitionsfrage!“

  1. Liebe Michelle,

    ein interessanter Beitrag. Ich habe mir auch schon Gedanken über die Definition gemacht. Ich bin auch der Meinung, dass Bilder oder Objekte, die lediglich online gestellt werden, kein „Museum“ abbilden. Da sehe ich das museum24/7 eher als virtuelles Museum an.

    Ein abfotografiertes Museum habe ich bislang auch noch nicht als virtuelles Museum für mich definiert. Meines Erachtens handelt es sich dabei eher um einen realen Rundgang im virtuellen Raum.

    Warum virtuelle Museen, warum abfotografierte Räume, warum Sammlungen online stellen?
    Zugang, Zugang, Zugang – für jedermann.
    Es sind unterschiedliche Formen der Darstellungen, nun ist natürlich Geschmack eine große Frage, welche Art von Zugang man mag und für wen bietet sich was an, welche Zielgruppen spreche ich damit an.

    Bei der Vermittlungsarbeit stimme ich Dir zu, im museum24/7 ist der Kontakt der Besucher möglich, ebenso eine virtuelle Führung, wie ein virtuelles Tweetup, was ich im letzten Jahr bei der Mai-Tagung schon in den Raum geworfen hatte, als Katja das Projekt vorgestellt hat.

    Mich würde interessieren, wird es überhaupt genutzt?
    Diesen Raum als Vorbereitungsraum für Schulklassen anzubieten, finde ich schön. Aber macht sich ein Lehrer wirklich die Mühe? In der Regel hätten Lehrer gern schöne Bilder, die man gut ausdrucken kann, die den Kindern vorgelegt werden können. Wenn sie dann noch Informationen zu den Objekten erhalten (wie das KDM) ist es eine perfekte Vorbereitung für den Lehrer und für Schüler. Bildaufbau etc habe ich immer auf den Ausdrucken analysiert… (Ein großartiges Geschmiere in meinem Fall.^^)

    Heutzutage wird viel geteilt und geliked – aber allein das Kommentieren stelle ich oft in Frage! Gibt es viele Kommentare zu einzelnen Objekten? Vielleicht, ich habe da gar keinen Überblick und wüsste auch keine Statistiken dazu. Wäre interessant.

    Virtuelle Museen, Online-Sammlungen, abfotografierte Räume empfinde ich als nett, als zusätzliches „Gimmick“, aber wie immer ersetzt es niemals einen echten Museumsbesuch. Und nun mal wieder meine provokante Frage: Kommen wegen dieser Gimmicks Besucher ins reale Museum oder sind die Besucher zuerst im Museum und entdecken dann das mediale Angebot im www? (Das Henne-Ei-Ding. ;)) Und ist es überhaupt wichtig? (Wohl eher nicht, Hauptsache das Interesse für die Kultur ist geweckt – aber wie weckt man das Interesse? Zu viele grundlegende Fragen…)

    Liebe Grüße
    Wera

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    1. Liebe Wera,

      vielen Dank erstmal für deinen ausführlichen Kommentar. Ich denke einen Ersatz für den realen Besuch im Museum kann und möchte auch niemand schaffen, aber natürlich werde Vermittlungsangebote auch im Hinblick auf Barrierefreiheit im wichtiger. Zugang zu Kunst und Kultur sollte schließlich jedem gewährleistet sein.

      Deine Frage nach Kommentaren und dem direkten Austausch mit dem Besucher ist eine äußerst wichtige. Leider muss ich sagen, dass wie auch bei sozialen Netzwerken, leider nicht so viele Rückmeldungen kommen wie ich mir das wünschen würde. Beim „Museum 24/7“ ist allerdings auch anzumerken, dass es keine Kommentarfunktion an jedem Bild gibt. Das berührt dann wieder die Frage wie viel Interaktion man technisch umsetzen kann ohne dass das User-Interface überstrapaziert und übersichtlich wird. Aber auch die Gästebuchfunktion erlaubt ja eine direkte Rückmeldung an das Museum. Die Möglichkeiten hier Kontakt aufzunehmen, wenn kein Mitarbeiter online ist, kann aber sicher noch ausgebaut werden. Selbstverständlich bleiben hier noch die anderen Möglichkeiten wie Facebook und Twitter, um Kommentare zu hinterlassen. Eine intensive Vernetzung mit den anderen Online-Aktivitäten des Museums spielt hier also auch eine große Rolle. Wobei ich feststellen muss, dass virtuelle Museen oder Sammlungen oft eher isoliert und für sich alleine stehen. Hier ist auch das Rijksmuseum in Amsterdam keine Ausnahme.

      Fazit kann an dieser Stelle wohl vorerst nur sein, dass virtuelle Projekte dieser Art noch am Anfang ihres Potenzials stehen und in vielen Bereichen ausgebaut werden kann, damit eine crossmediale Nutzung für den Besucher Wirklichkeit wird.

      Viele Grüße
      Michelle

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  2. @Michelle: Du hast recht, das Problem beginnt bereits mit der Definition. Die Frage ist aber, ob wir nicht eine sehr allgemeine Definition verwenden dürfen, bei der Definition, was ein Museum ist, bleiben wir ja auch sehr allgemein . Wenn man diese Definition auf den virtuellen Raum überträgt, dann wäre auch die Sammlung des Rijksmuseums als virtuelles Museum zu bezeichnen, weil Museen auch zu Studienzwecken offenstehen.

    Ich denke, wir tun uns leichter, wenn wir zwischen den unterschiedlichen Zielen differenzieren, die ein virtuelles Museum erfüllen kann. In Eurem Fall war die Idee, virtuellen Ersatz zu schaffen, weil das Haus zwei Jahre geschlossen ist. Da sind die Voraussetzungen ganz andere als bei dem Versuch, den eigenen Bestand online zu zeigen und mit zusätzlichen Informationen auszustatten. Ich glaube, dieser Ansatz ist für Forschung (und Lehre) ganz wichtig, aber im Hinblick auf das Publikum steht eher die Vermittlung im Vordergrund, Du sprichst es ja auch an.

    Und hier geht es für mich dann um die Herausforderung, die User intrinsisch zu motivieren, sich mit den Objekten bzw. Themen zu beschäftigen. Und das ist gar nicht so leicht, auch bei den Apps taucht dieses Thema wieder auf. Natürlich kann ich mit Gewinnen und Rankings arbeiten. Aber ist das wirklich die Art von Anreiz, die für nachhaltige Aneignung von Wissen sorgt, von denen die User dann auch profitieren? Ich habe da oft meine Zweifel und sehe daher hier ein großes Feld, wo wir ansetzen sollten, wenn wir das weite Feld der virtuellen Museen bearbeiten..

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    1. Lieber Christian,

      ich bin deiner Meinung, dass eine allgemeine Definition verwendet werden sollte, wenn es um Museen geht, alleine schon um den unterschiedlichsten Themen mit denen Museen sich auseinandersetzen gerecht zu werden. Aber die Definition, auf die Du dich beziehst gibt einige wichtige Punkte der Museumsarbeit an: „bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt.“ Wenn ich bei meinem Beispiel von Rijksstudio von einer virtuellen Sammlung spreche, bleibt das Rijksmuseum damit ja trotzdem ein reales Museum, das die Definition voll erfüllt und der Aufgabe des Bekanntmachens mit einer virtuellen Sammlung absolut nachkommt.

      Ich merke bei meiner täglichen Arbeit jedoch jeden Tag, dass es einfach keine richtige Übereinstimmung gibt, worüber wir eigentlich reden, wenn es um virtuelle Museen geht. Und Titel führen zu Nutzererwartungen, die man berücksichtigen sollte. Die sind zwar durchaus verschieden, aber ich gehe davon aus, dass ein Museumsbesucher, der mit dem realen Museum vertraut ist eine gewisse Erwartung entwickelt, wenn ich von einem virtuellen Museum spreche. Ansonsten wäre ja jede Museums-Homepage, auf der Bilder präsentiert werden bereits ein virtuelles Museum.

      Aber was das Ziel jeder virtuellen Museumspräsenz angeht, da gebe ich Dir vollkommen recht. Es ist wichtig, das klar formuliert wird, was mit Projekten dieser Art erreicht werden soll und wie man seine Zielgruppe für Kunst und Kultur begeistern möchte. Mit Gewinnen kann sicherlich kein richtiges Wissen vermittelt werden, vielmehr sollte die Wissensvermittlung auf positive, gerne auch spielerische, Weise erfolgen. Für mich sind virtuelle Museen, Sammlungen, Apps etc. dann erfolgreich, wenn sie dazu führen, dass der Nutzer Spaß an Kunst und Kultur erlebt und sich dabei auf leichte Weise Hintergrundwissen zu unserer Kunst- und Kulturgeschichte aneignen kann.

      Viele Grüße nach Wien

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  3. @Michelle: Wenn Du jetzt auf die Straße gehen und dort fragen würdest, was sich die Leute unter einem virtuellen Museum vorstellen, dann wäre der gemeinsame Nenner vermutlich ein virtueller Raum (2- oder 3dimensional), in dem Kunstobjekte zu sehen sind plus Informationen über die Objekte.Bin ich Student und schreibe gerade eine Arbeit, werde ich vielleicht froh sein, auf dieses virtuelle Museum gestoßen zu sein. Andere finden das Museum zufällig und wissen nicht so recht, was sie damit machen sollen.

    Du hast recht. es gibt kein allgemeines Grundverständnis, was ein virtuelles Museum ist und was es kann. Die Diskussion darüber macht auch durchaus Sinn, allerdings nur in Fachkreisen, den Usern wird es ziemlich egal sein, die wollen ihre Bedürfnisse befriedigen. Ob das nun zusätzliche Informationen sind, Unterhaltung oder die Vernetzung mit Museum oder anderen Usern, die Definition ist in dem Fall irrelevant.

    Wenn wir wirklich mit einem virtuellen Museum bei den Usern gut ankommen wollen, dann müssen wir es uns aus der Sicht der User denken und überlegen, welche Bedürfnisse und Erwartungen damit verbunden sind? Die Frage von Wera nach der Zahl der Kommentare ist da ganz interessant. Warum brauchen wir die Kommentare überhaupt? Wenn die Kommentare Teil eines Konzepts sind, das nicht beim Kommentar endet, dann ist es gut.Wenn der Kommentar wie die „gefällt mir“ zum Selbstzweck werden, dann hilft auch eine Definition nicht weiter.

    Ich würde mir wünschen, dass sich das virtuelle Museum wie auch von Dir gefordert in Richtung partizipatives Museum bewegt, denn die Herausforderung liegt vor allem im Vermittlungsbereich. Du hast mit Deinen letzten Sätzen beschrieben, wie so etwas aussehen könnte. Daraus nun ein konkretes Konzept für ein virtuelles Museum zu machen, das ist eine gewaltige Herausforderung. Aber wir sollten ihr uns stellen. 😉

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  4. Liebe Michelle,

    die Unterscheidung zwischen virtueller Sammlung und virtuellem Museum finde ich einleuchtend. Ein Museum ist mehr, also die bloße Verfügbarkeit von Artefakten + Zusatzinformationen. Was die Frage anbelangt, wie man die kommunikative Funktion der Museumspräsentation (jenseits von Texten, Audio, Multimedia ÜBER die Werke) sinnvoll virtualisiert, sind wir – glaube ich – noch ziemlich am Anfang. Beim Museum 24/7 werden 80% des realen Museums „imitiert“, wobei durch die Limitierungen des Mediums vielleicht 20% Erlebnis übrig bleiben. Ich würde mir vorstellen, dass man die relevanten 30% überträgt (Auswahl und Ordnung der Werke, Beziehungen wie Nachbarschaft, Analogie oder Kontrast …) und den Rest weglässt (Türen, Decken, Sitzbänke, Fußboden …), angereichert durch Funktionalitäten, die nur im digitalen Medium möglich sind, so dass am Ende kein gemindertes, sondern ein gleichwertiges, aber genuin anderes Erlebnis ermöglicht wird. Bin sehr gespannt, wie sich das Medium Virtuelles Museum weiterentwickelt …

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    1. Das Erlebnis des Museum 24/7 ist auf jeden Fall ausbaufähig. Deine Kritik an der Imitation des realen Museums habe ich bereits oft gehört und sehe das ähnlich. Man merkt dem Projekt an, dass es aus einer Zeit stammt, in der Second Life gerade eine Hochphase hatte. Gerade digitale Projekte leben letztendlich davon, dass wir sie immer wieder erneuern und an die Nutzerbedürfnisse anpassen. Das soll nun auch mit dem Museum 24/7 geschehen. So ein Projekt ist eben nie wirklich „fertig“.
      Ich bin mir sicher momentan haben wir eine erste Idee wie virtuelle Museen sein können und werden uns wundern was in den nächsten Jahren alles entwickelt wird. Vor allem die Themaen Augmented Reality und Smartplace werden die Museen beschäftigen.

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