GASTBEITRAG | „Warum ich abmahne!“ von Marco Wittler

Das Internet gilt heute immer noch für viele Menschen als ein rechtsfreier Raum. Jeder darf alles und es gibt keine Konsequenzen für mein Handeln. Man ist ja anonym und bei Facebook gibt man einfach einen Fantasie-Namen an.

Deswegen boomen seit Jahren illegale Tauschbörsen und Downloadportale, in denen man so ziemlich jede Art von Medien umsonst runterladen kann. Warum auch dafür bezahlen? Die Filmstudios, Schauspieler, Musiker, Autoren, Fotografen, Texter, … bekommen doch eh schon viel zu viel Geld. Die sind raffgierig und wollen einem nur das Geld aus der Tasche ziehen.

Das ist im Moment in unserer Mitnahmegesellschaft eine weit verbreitete Meinung. Man regt sich über Kunstschaffende auf, man verteufelt die GEZ, die GEMA und alle anderen, die an ihren Werken etwas verdienen wollen. Es ist ja auch unverschämt, dass sie ihre Werke nicht umsonst anbieten. Frechheit.

Dass diese Künstler damit aber neue Projekte finanzieren, ihren Lebensunterhalt verdienen, ihre Steuern davon bezahlen und ihre Altersversorgung damit aufbauen, scheint niemand zu bedenken. Wahrscheinlich interessiert es auch niemanden.

Umso saurer werden die Raubkopierer und Contentdiebe, wenn sie erwischt werden und von Anwälten mit Abmahnungen und Unterlassungserklärungen bedroht werden. Dann kommt die »böse Abmahnindustrie«, die »unverschämten Abzocker«. Die sind ja die Bösen. Der Raubkopierer ist nur ein kleines Opfer von »raffgierigen Rechteinhabern«, die nicht mal Fünfe gerade sein lassen können. Wie dreist und kaltblütig.

Das sind nur die großen Beispiele, die immer in den Medien breit getreten werden. Da treten dann immer die gleichen bekannten Anwaltsgesichter im Fernsehen auf und geben Rat, wie man sich in solchen Fällen am besten wehren kann. Zusätzlich findet man unzählige Kanzleien bei Google, die sich auf die Gegenwehr bei Abmahnungen spezialisiert haben. Man muss schließlich gegen Anwälte vorgehen, die sich an Contentdieben bereichern wollen und allein damit ihren Lebensunterhalt verdienen.

Es gibt aber auch die kleinen Fälle. Da sind Autoren, die in ihrer Freizeit Bücher schreiben, lokale Bands, die in Eigenarbeit ihre CDs produzieren oder auch Fotografen, die von Veranstaltung zu Veranstaltung hetzen, um das ein oder andere schöne Foto zu schießen und natürlich die Blogger, die stundenlang an ihren Rechnern sitzen und Beiträge in ihren jeweiligen Nischen schreiben, um damit etwas Geld zu verdienen.

Die ganz große Kohle ist damit natürlich nicht zu machen. Reich und berühmt werden nur die Wenigsten. Es ist die Leidenschaft, die diese Menschen antreibt. Die einen arbeiten an ihrer Kunst, an ihren Projekten neben dem normalen Beruf und hoffen immer auf die eine Chance. Andere rackern sich praktisch zu Tode, um hauptberuflich zu künstlern. Arbeit ist es für alle.

Wer heute etwas aus seiner Passion machen will, kommt um das Internet gar nicht mehr herum. Man muss sich präsentieren, sich vernetzen und sich durch harte, lange Arbeit einen Namen aufbauen. Da reicht es natürlich nicht aus, eine einfache Homepage zu erstellen und zu umschreiben, was man macht und kann. Man muss seine Kunst präsentieren. Der Fotograf zeigt also seine Fotos, der Autor veröffentlicht seine Storys online, usw. Da kommt man nicht drum herum.

Neben den Lesern und Bewunderern dieser Künstler kommen dann auch irgendwann die Raubkopierer und Contentdiebe. Ihnen gefallen die Werke natürlich auch. Sie gefallen ihnen sogar so gut, dass sie darin ihre Chance sehen. Per Copy / Paste sind Fotos und Texte ganz schnell in die eigene Homepage, in Blogs und Foren eingefügt. Dauert wirklich nur ein paar Sekunden und ist gar nicht schwer. Und schon hat man ohne wirkliche Arbeit Inhalte, mit denen man nun selbst Leser und Bewunderer anlocken kann und Traffic generiert. Manch Kopierer ist ja noch so ehrlich und schreibt den Namen des Rechteinhabers und die Quelle unter das Werk. Andere sind so dreist und geben alles als ihren eigenen kreativen Erguss aus. Was beide gemeinsam haben: Sie haben etwas gestohlen und neu publiziert. Sie haben gegen das Urheberrecht verstoßen.

Das Problem an dieser Thematik ist, dass sich niemand schuldig fühlt. Die Werke sind doch eh schon im Internet. Was macht es denn da, wenn sie noch einmal irgendwo sind? Deswegen sind auch die Schadenersatzforderungen völlig überzogen. Und das ist der eigentliche Knackpunkt, an dem es interessant wird.

An dieser Stelle wird es Zeit, dass ich mich vorstelle. Ich bin Marco Wittler. Ich bin Kreaktivist. Das soll heißen, dass ich sehr viele kreative Hobbies habe, mit denen ich mich austobe. Ich bin Zauberer, ich bin Feuerspucker, ich bin Autor, ich bin Blogger und noch einiges mehr. Da mir das aber zum Einleiten grundsätzlich zu lang wird, bezeichne ich mich eben als Kreaktivist. Da das aber alles »nur« Hobbys sind, meine großen Leidenschaften, verdiene ich meinen eigentlichen Lebensunterhalt in einem normalen 40-Stunden-Job. Von der Kunst selbst kann ich nicht leben.

Ich bin aber nicht nur Kreaktivist. Ich bin auch Opfer. Nein, ich leide nicht unter krankhaften Abmahnungen, die mir ins Haus flattern. Ich bin das Opfer auf der anderen Seite. Ich leide unter einer chronischen Form von Contentdiebstahl.

In meinem Blog veröffentliche ich seit dem Jahr 2006 Gute Nacht Geschichten für Kinder. Bis heute sind weit über 700 Kurzgeschichten entstanden. Das lockt nicht nur Leser an, sondern eben auch Raubkopierer.

Ich begebe mich alle paar Monate auf die Suche. Eine Suche, die mehrere Stunden und Tage in Anspruch nimmt – Zeit, in der ich mich nur mit Google beschäftige und nichts Kreatives erzeugen kann.

Ich kopiere einzelne Sätze aus meinen Werken und füge sie bei Google ein (in Anführungsstrichen). Dabei vermeide ich Sätze, die Orte und persönliche Namen inne haben, denn die werden regelmäßig ausgetauscht.

Traurigerweise werde ich bei jeder Suche fündig. Meist sind es Nutzer aus Foren, private Homepage-Ersteller oder Blogger, die ihren Blog aufhübschen wollen. Es sind Privatleute. Es sind Menschen, die sich über das Urheberrecht noch nie Gedanken gemacht haben. Sie wissen nicht einmal, dass sie sich strafbar gemacht haben. Sie haben sich nie darüber informiert. Oft sind es sogar Teenager.

Es kommt aber auch immer wieder vor, dass Unternehmen meine Texte verwerten, z.B. für ihre Homepage. Oder auch »Autoren«, wenn man sie so nennen möchte, die im Internet überall wahllos Texte sammeln und daraus eine Anthologie erstellen und diese bei Demand-Verlagen selbst verkaufen.

Mein Nachteil an diesen Raubkopierern ist, dass ich bei Google schlechtere Suchergebnisse bekomme. Durch den Doppelcontent rutsche ich mit meinem Blog im Ranking ab, werde auf hintere Seiten verbannt oder mein Link wird ausgeblendet. Das kostet mich nicht nur Besucher und Leser, dass kostet mir im Ernstfall auch Geschäftspartner, denn es kommt immer wieder vor, dass jemand eine Abdrucklizenz erwerben möchte. Wenn diese Geschäftspartner mich nun nicht finden (denn sie suchen nicht nach meinem Namen, sondern nach Geschichten mit bestimmten Inhalten), verliere ich Geld und Verträge. Ich verliere auch Projekte, die ich später als Referenzen angeben kann, um mich bei zukünftigen Geschäftspartnern zu profilieren.

Es kostet mich auch Verträge mit Verlagen, die unsicher werden, weil meine Texte von mehreren Internetnutzern veröffentlicht wurden. Wenn meine Werke sogar schon in Büchern stehen, habe ich keine Chance mehr, sie bei einem Verlag unterzukriegen.

Zusätzlich kostet es mich sehr viel Zeit, nach kopierten Inhalten zu suchen, die Raubkopierer / Seitenbetreiber ausfindig zu machen zu kontaktieren oder sogar in Korrespondenz mit einem Anwalt zu treten. Von den Nerven ganz zu schweigen.

Es ist also nicht so, dass man einfach nur Kopien von rechtlich geschütztem Material anfertigt, man nimmt dem Rechteinhaber tatsächlich Geld weg, bzw. hindert ihn daran es zu bekommen.

Teilweise bleibe ich sogar auf meinen Anwaltskosten sitzen, wenn der »Autor« einer Anthologie mittellos ist, der sich einen Nebenerwerb aufbauen wollte. Diese Raubkopierer sind in der Regel nicht einmal in der Lage, die Kosten zu tragen, ganz abgesehen vom Schadenersatz.

Was aber in diesen sofort verständlichen Punkten noch gar nicht auftaucht, ist der Imageschaden, der angerichtet werden kann. Ein ganz konkretes Beispiel aus meiner eigenen Arbeit ist eine Gute Nacht Geschichte für Kinder (!), die im letzten Herbst für eine Onlinewerbung missbraucht wurde. Der Contentdieb war ein Swingerclub, der zu einer seiner Partys einlud. Das ist natürlich etwas, womit ich nicht in Verbindung gebracht werden möchte.

Contentdiebstahl ist also kein Kavaliersdelikt. Die Rechteinhaber sind auch keine raffgierigen Monster, die sich an den »Abmahnopfern« bereichern wollen. Wir Künstler sind die eigentlichen Opfer. Aber in allen Medien werden wir als Böse abgestempelt. Wir sind Monster, die keinen Spaß verstehen, die nie ein Auge zudrücken wollen. Wir machen unsere Kunst nur aus einem Grund: Wir wollen damit Geld machen.

Ich gebe zu, der letzte Grund stimmt. Ich mache meine Kunst, weil ich Spaß daran habe, aber es gefällt mir auch, wenn ich dafür honoriert werde, denn ich habe sehr viele Arbeitsstunden rein gesteckt, um Menschen damit zu unterhalten.

Natürlich würde ich auch auf jegliche Entlohnung verzichten. Ich würde meine Werke jedem kostenlos zur Verfügung stellen. Auch ohne Erlaubnis. Aber dazu bin ich natürlich nur bereit, wenn in Zukunft alle anderen auch für mich kostenlos arbeiten. Wie heißt es so schön? Eine Hand wäscht die andere und umsonst ist nur der Tod.

Also, lieber Künstler, liebe Mitleidende, die ihr euch nicht an die Öffentlichkeit traut oder von dieser niedergemacht werdet: Schützt eure Werke und zeigt Raubkopierern nicht nur den erhobenen Zeigefinger.

Das Urheberrecht ist ein gültiges Gesetz und ihr dürft es auch anwenden.

Zum Schluss noch ein paar Tipps:

* Sichert euren Content. Es gibt für Bloggger Plugins, die die rechte Maustaste abschalten. Das ist zwar kein Allheilmittel, aber hält zumindest die meisten Raubkopierer auf.

* Sucht regelmäßig nach euren Werken. Google ist da die einfachste und eine sehr effektive Art. Sätze in Anführungszeichen benutzen oder die Bilder Rückwärtssuche. Lasst euch nicht einfach alles bieten.

* Sichert euch Screenshots von Rechtsverstößen. Anschließend Seitenbetreiber selbst per Mail anschreiben. Macht sie auf ihren Verstoß aufmerksam und verlangt eine Löschung. Falls eine solche nicht geschieht, könnt ihr immer noch zum Anwalt gehen.

* Wer kommerziell kopiert, sollte generell durch Anwälte abgemahnt werden. Wer auf eure Kosten Geld machen will, giert praktisch nach einer Geldstrafe.

* Macht andere Künstler aufmerksam, wie man sich sinnvoll schützen und wehren kann. Es gibt noch so viele Unwissende unter uns.

* Schafft euch Beweise, damit ihr eure Urheberrechtschaft auch beweisen könnt. Das Veröffentlichungsdatum in eurem Blog reicht nicht aus. Das kann man nachträglich verändern. Es gibt Verteidiger, die auf Beweise pochen, um Contentdiebe rauszuhauen. Am Ende seid ihr die Dummen, zahlt die Rechnung und verliert das Recht an euren Werken. Macht nach jedem Beitrag, der inhaltlich schwer genug ist, einen Screenshot (mit dem Veröffentlichungsdatum) und hinterlegt es beim Anwalt oder Notar. Wer schon mit diesen Leuten arbeitet, hat es da einfacher.

Ach ja, dieser Text unterliegt natürlich auch dem Urheberrecht und ist geschützt. Egal, ob ein Copyright drunter steht oder nicht. Also Finger weg vom Copy / Paste. Aber es gibt ja auch die Möglichkeit, ihn zu verlinken. Ist viel einfacher und rechtlich kein Problem.

(c) 2015, Marco Wittler

Werbeanzeigen

#kbreise15 | Digitales in Karlsruhe und Basel

Mein zweiter Beitrag zur #kbreise15 ist wirklich überfällig, denn wie bei meinem ersten Beitrag zur Reise, bieten mir die Kunsthalle Karlsruhe und die Fondation Beyeler die Möglichkeit eines Vergleichs unterschiedlicher Strategien neue Technologien in Ausstellungen einzubinden. Die Kunsthalle Karlsruhe setzt auf Bewährtes und die Fondation Beyerle wagte etwas Neues. Beides hat seine Berechtigung sowie Vor- und Nachteile. Doch bevor ich mein Fazit vorziehe, möchte ich beide Lösungen zunächst vorstellen.

Technologien in der aktuellen Ausstellung zur Markgräfin Karoline Louise in der Kunsthalle Karlsruhe

Die Kunsthalle setzt in ihrer Ausstellung auf Bewährtes und vor allem auf wenig Technik. Konzeptuell ist das für mich vollkommen in Ordnung. Man muss ja auch nicht! Nach wie vor sollen Museen keine Freizeitparks sein, trotz allem konkurrieren sie mittlerweile mit diesen. Der Museumsbesuch steht für viele eben nicht mehr auf dem Pflichtprogramm am Wochenende.

Die wenigen technologischen Elemente, die in die Ausstellung integriert worden sind, überzeugen und erweitern die Ausstellung sehr sinnvoll. Sowohl narrativ als auch pädagogisch. Gemeinsam mit Studenten wurden Filme erarbeitet, die einen Einblick in die zahlreichen Korrespondenzen der Markgräfin sowie in das Leben bei Hofe geben. Ich fand die Filme sehr unterhaltsam und kurzweilig, auch wenn ich sie auf Grund unseres straffen Zeitplans leider nicht vollständig gucken konnte.

Blick auf den Film zum Leben am Hof der Markgräfin.
Besonders gelungen fand ich die Media Station in Saal 7 der Ausstellung. Da in diesem Saal die originale Hängung der Sammlung gezeigt wird, wurde hier bewusst auf Schildchen  verzichtet. Die Präsentation an sich hat mir bereits sehr gut gefallen, bin ich doch ein großer Fan von Petersburger Hängung. Um dem Besucher trotzdem die Möglichkeit zu geben, herauszufinden welche Werke gezeigt werden, wurde eine Media Station in den Saal integriert. Hier kann man an einem Touch-Screen jedes Bild anklicken und bekommt sowohl die Werk-Info als auch Scans der Originalquellen wie Briefe oder Urkunden zum Erwerb. Hier hätte man noch narrativer sein können, aber an sich finde ich das Ganze sehr gelungen. Vor allem die Chance zu nutzen  auf diese Weise mehr zu den Werken zu präsentieren, weil man durch den Screen viel mehr Platz zur Verfügung hat als auf einem kleinen Schild. Und man ermutigt den Besucher aus seiner Gewohnheit auszubrechen immer erst auf die Schilder zu gucken, welches Werk/welcher Künstler zu sehen ist. Das ist ja so eine Unart in Ausstellungen nicht mehr die Kunst zu genießen, sondern zunächst zu schauen ob da ein allgemein anerkannter Meister hängt oder nicht.

Schwierig finde ich jedoch, dass es nur eine einzige Media Station im Raum gab. Wie das genau logistisch funktioniert, wenn das Museum wirklich voll ist, ist mir ein Rätsel.

Oben: Ein Gemälde aus Saal 7. Jean-Baptiste Perronneau, Mädchen mit Katze, 1747/50, Kunsthalle Karlsruhe. Unten: Die Ansicht vom Gemälde in der Media Station.

Am Ende der Ausstellung erwartet den Besucher in der Kunsthalle Karlsruhe dann noch eine Computer Station, an der die gesamten Forschungsergebnisse zur Ausstellung eingesehen werden können. Da der Ausstellung eine zweijährige Forschungsphase voran ging, gibt es sicher viel zu entdecken und zu lesen. Auch hier leider wieder nur ein einziger Rechner. Aber der Ansatz ist der Richtige. Leider konnte ich mir diese Station nur im Vorbeilaufen anschauen, hoffe aber, dass die Ergebnisse dauerhaft online zugänglich sein werden, sind sie doch ein wichtiger Teil der Stadt- und Sammlungsgeschichte.

 

Die Paul Gauguin Bücher in der Fondation Beyerle

In der Fondation Beyeler haben wir uns eigentlich die Marlene Dumas Ausstellung angeschaut, die, wie nicht anders zu erwarten von diesem erstklassigen Museum, ganz wunderbar war. Nun ist die Marlene Dumas nicht ganz mein Fall, aber das ist natürlich eine Geschmacksfrage und hat nichts mit der Ausstellung zu tun. Besonders interessiert haben mich die Paul Gauguin Bücher, von denen ich bereits im Vorfeld soviel gehört hatte. Und ich kann nur sagen, die sind wirklich großartig. Hier wurde ein Medienmix umgesetzt, der meiner Meinung nach für jede Altersgruppe eine echte Bereicherung darstellt. Die Besucher sehen das wohl genauso, denn um die Bücher scharrten sich massenweise Jung und Alt. Gott sei Dank gab es einige davon. Ein ganzer Raum wurde dafür zur Verfügung gestellt. Und selbst, wenn man die Technik verstanden hat, die unten im zweiten Trailer von den Machern der iart AG ganz wunderbar erklärt wird, sind diese Bücher beinahe magisch in ihrer Funktion. Hier ist nochmal eine ganz neue Dimension des Eintauchens in die Welt des Künstlers möglich. Fast meint man, die Werke führten hier ein Eigenleben, an dem man teilhaben kann.

Und hier die Making-Of Trailer zu den Büchern:

 

Mein Fazit

Durch die #kbreise15 durfte ich zwei Museen kennen lernen, die ich bis dahin leider noch nicht besuchen konnte. Gleichzeitig war es wunderbar in so kurzer Zeit zwei Häuser zu erleben, die sich sehr unterschiedlich präsentieren. Die Kunsthalle Karlsruhe ist ein sehr sympatisches Haus, das aber noch einen weiten Weg vor sich hat, wenn es um neue Medien und Technologien geht. Leider gibt es noch kein WLAN und die Leihgeber lassen auch hier keine Fotografie in der Ausstellung zu. Aber dieser Problematik habe ich ja ebenfalls einen Beitrag gewidmet und werde das an dieser Stelle nicht weiter ausführen. Als Lösung sehe ich aber beispielsweise Foto-Stationen, an denen die Besucher ihre Lust auf Erinnerungsbilder kontrolliert ausleben können. Die Ansätze neue Technologien zu integrieren und eine zeitgemäße Präsentation zu erreichen finde ich gelungen, wenn auch noch etwas zurückhaltend. Da darf gerne noch mehr kommen in der Zukunft! Loben und hinweisen möchte ich aber auf die Tatsache, dass die Kunsthalle es schafft immer noch zu forschen. Forschung in Museen wird aus Geld- und Zeitgründen immer weniger und die Leistung zwei Jahre in ein umfangreiches Projekt zur Sammlungsaufarbeitung zu investieren, verdient Respekt und Anerkennung.

Die Fondation Beyeler legt die Latte für Museen sehr, sehr hoch. Der Ort an sich begeistert natürlich schon, vor allem an einem so sonnigen Tag wie wir ihn erleben durften und ich werde noch diesen Jahr wieder hinreisen. Lobenswert finde ich das äußerst gut funktionierende, öffentliche WLAN, das jedem Besucher auf dem gesamten Gelände zur Verfügung steht. Auch hier aber leider ein Fotografierverbot, das der Gesetzeslage und den Leihgebern geschuldet ist. Für uns gab es glücklicherweise eine Ausnahme, was die Probleme natürlich dauerhaft  nicht löst. Die Paul Gauguin Bücher haben mich jedoch voll für die Fotoproblematik entschädigt! Was für ein tolles Projekt. Ich wünsche mir, dass sich diese Technik durchsetzt und sie flächendeckend für mehr Museen machbar und finanzierbar wird. Mit den Büchern hat man Spaß, man lernt etwas, die haptische Erfahrung rundet den Besuch  ab und natürlich wird auch das wertvolle Medium Buch wieder in das Bewusstsein der Menschen gebracht. Großes Lob dafür! Und auch ein großes Lob dafür, dass die Informationen dazu so umfangreich ins Netz gestellt werden. Alleine zur Gauguin Ausstellung findet man 45 Videos auf dem Youtube-Kanal des Museums. Ich glaube mehr kann man kaum erwarten.

#kbreise15 | Die Stadtgeist KA App und das Tabevent Basel

Am Wochenende (5.6.-7.6.2015) habe ich an der Bloggerreise #kbreise15 teilgenommen. Dem Thema was Bloggerreisen sind und ob diese Sinn machen oder nicht, habe ich vor Kurzem bereits einen Beitrag gewidmet, nachdem ich an einer Podiumsdiskussion teilgenommen hatte. Ob meine Teilnahme an der Reise meine Sicht verändert hat, werde ich die Tage nochmal ausführlich verbloggen. Zunächst möchte ich meine Eindrücke des gebotenen Programms notieren solange diese noch frisch sind. Es war alles in allem eine ganz großartige Reise und ich hatte Gelegenheit, die von mir noch nicht bereisten Orte, Karlsruhe und Basel kennenzulernen. Sogar das Radio war dabei. Unsere Gastgeber das Karlsruhe Tourismus, die Kunsthalle Karlsruhe, das Stadtmarketing Basel und die Fondation Beyeler haben sich nicht lumpen lassen und uns ein volles Programm wie Rund-um-sorglos-Paket geboten. Neben der Unterbringung in den 4-Sterne-Hotels Blauer Reiter (Karlsruhe) und Hotel Euler (Basel) gab es reichlich vorzügliches Essen. Da es nicht meine Art ist lange Reisebeschreibungen auf diesen Blog zu stellen, möchte ich als erstes zwei Programmpunkte vorstellen, die zwar sehr unterschiedlich sind, aber beide auf GPS-Lösungen basieren.

Die Stadtgeist Karlsruhe App

In Karlsruhe haben wir am Samstag eine Führung zur Stadtgeist Karlsruhe App bekommen. Die App ermöglicht es dem Nutzer innerhalb des Stadtraums verschiedene relevante Punkte zu erkunden. Hier scheint vor allem die historische Relevanz ein Auswahlkriterium gewesen zu sein. Entstanden ist das Konzept zunächst unabhängig von der Stadt. Nachdem es den deutschen AppCampus Award 2013 gewonnen hatte, war es dank dem Preisgeld möglich das Projekt an die Stadt heranzutragen.

Ein internationeler Wettbewerb ausgeschrieben von Microsoft und Nokia für das nächste große mobile Ding, dotiert mit 70.000€. Im Rahmen der SmarterCity Initiative der Stadt wurde dieses Konzept für Karlsruhe umgesetzt. Zusammen mit der Stadtmarketing Karlsruhe GmbH und in Kooperation mit der Karlsruher Tourismus GmbH und der Karlsruher Schienen- und Infrastruktur Gesellschaft (KASIG). Fachlich begleitet durch das Stadtarchiv. (Quelle: stadtgeist-karlsruhe.de)

Das Entwicklerteam stellte uns die App persönlich vor und gemeinsam haben wir zwei markante Punkte besucht. Location-Based-Marketing beziehungsweise GPS-basierte Angebote werden immer relevanter. Vor allem wenn es um App-Lösungen geht. Was kann nun diese App eigentlich? Und welchen Mehrwert bringt sie bei einem Besuch von Karlsruhe. Die App zeigt auf der Karte diverse Punkte in Karlsruhe, die für ein Stück Stadtgeschichte stehen, das sich einem nicht ohne weiteres am Ort selbst erschließt. Auf der integrierten Karte ist es möglich alle Punkte anzuschauen und einen auszuwählen. Daraufhin kann man entweder mit Hilfe der Karte oder des Kompasses die Stelle ausfindig machen. Angenehm fand ich die Anzeige der genauen Entfernung. Leider ist noch keine Routenlösung integriert, so dass man eine Menge Batterie und Datenvolumen braucht um an Ort und Stelle zu kommen. Vor allem natürlich Batterie. Das ist sicher ein Minuspunkt. Hat man den gewählten Punkt erreicht, scannt die App mit Hilfe der Kamera und Augmented Reality Technik die Umgebung. Eine historische Ansicht des Ortes erscheint und über den Button „Guide“ stehen nun Video- und Audiodateien zur Verfügung. Ein Kopfhörer ist hilfreich. Die wichtige Frage nach dem Mehrwert lässt sich guten Gewissens mit einem JA beantworten. Wer Karlsruhe kennt oder auch nicht, bekommt hier zahlreiche Geschichten direkt an den Orten erzählt, an denen sie sich ereignet haben. Ich fand es sehr nett, dass die Entwickler uns einen Einblick in den Enstehungsprozess gegeben haben, selbstverständlich braucht man für die App natürlich keine Führung um sie nutzen zu können. Die Hinweise zur Bedienung sollte man jedoch schon ansehen, da die Handhabe nicht vollständig selbsterklärend war. Insgesamt finde ich die App sehr gelungen. Sie bietet mir als Besucher von Karlsruhe eine Möglichkeit nach meinen individuellen Bedürfnissen die Stadt und ihre Geschichte zu erkunden und zu erleben. Mit 17 MB ist sie nicht wahnsinnig groß und die meisten sollten den Platz auf ihrem Smartphone übrig haben. Die Inhalte werden gestreamt, was natürlich die Appgröße klein hält, aber Datemvolumen frisst. Karlsruhe hat allerdings im öffentlichen Raum ein freies WLAN, das meist funktioniert hat. Auch dieser Schwachpunkt ist also vertretbar. Minuspunkt ist einzig der hohe Batterieverbrauch, den ich nur durch meinen Travelakku kompensieren konnte. Das Nachmachen einer solchen App in anderen Städten würde ich auf jeden Fall empfehlen!

Das Tabevent in Basel

Am Sonntag wurde für uns in Basel ein Tabevent veranstaltet. Das Ganze ist im Wesentlichen schnell erklärt. Ein Tabevent ist eine moderne, GPS- und Cloud-basierte Schnitzeljagd, die mit Hilfe von Tablets durchgeführt wird. Nichts verstanden? Kein Wunder. Lässt man das Marketing-Vokabular weg, lässt sich das Konzept folgendermaßen beschreiben: Eine Gruppe wird in Teams eingeteilt. Jedes Team bekommt ein Tablet in die Hand und los geht’s. In der Anwendung sieht man eine Karte, die Aufgaben mit unterschiedlicher Schwierigkeitsstufe anzeigt. Diese kann man nun aufsuchen. In einem Umkreis von 80 Metern steht die Aufgabe zur Verfügung. Von Multiple-Choice-Fragen zu historischen Gebäuden oder Landmarken bis hin zu interaktiven Aufgaben, kann alles hinterlegt werden. Die Teilnehmer entscheiden ganz frei wie sie die Schnitzeljagd strategisch bewältigen wollen. Sämtliche Ergebnisse wie auch Fotos oder Videos, die für die einzelnen Aufgaben erstellt wurden, gehen in die Eventcloud. Die wird vom Operator überwacht, der bei falscher Umsetzung, Punkte abziehen kann. Mit diesem kann man auch über eine Chatfunktion kommunizieren, falls man Hilfe benötigt. Ebenso lässt sich der Highscore aller Teams einsehen.

Kreativität war gefragt. Hier unser #Selfie zum Thema "Fragen knacken bei Tabevents". Hinten rechts Sabrina und vorne Tamara von Blonderblog.ch
Kreativität war gefragt. Hier unser #Selfie zum Thema „Fragen knacken bei Tabevents“. Hinten rechts Sabrina und vorne Tamara von Blonderblog.ch
Ich bin via Losverfahren in einem Team mit den Mädels von Blonderblog gelandet. Tamara und Sabrina kannte ich vor der Bloggerreise nicht und ich bin mir auch nicht sicher ob ich das Glück gehabt hätte, ihren Blog zu entdecken, da sie über Fashion und Lifestyle schreiben. Das ist einer der Punkte, den ich an der Reise ganz wunderbar fand. Ich habe andere Blogger kennengelernt, die nicht auf meiner persönlichen Agenda standen und deren Artikel ich ganz großartig finde. Genauso wie die Menschen, die dahinter stehen. Da wir das „Blondienen-Team“ waren, hat uns ein besonderer Ehrgeiz gepackt. Nach einem schnellen Strategie-Meeting hatten wir entschieden: schnell und effizient wollten wir sein. Also nichts wie hin zu den 50 und 100 Punkte fragen. 10er, 20er und 30er haben wir bewusst außen vorgelassen und uns vor allem mit den schwierigen Aufgaben auseinandergesetzt. Da neben vielen Wissensfragen auch kreative Fotoideen gefragt waren, sind wir richtig aufgedreht und waren nicht mehr zu bremsen. Das war wirklich ein riesen Spaß und das, obwohl es sonntagmorgens stattfand. Ich bin ein großer Fan dieses neuen Formats und kann es sowohl für Reisegruppen als auch für Firmenevents nur empfehlen. Wenn sich jetzt einige kluge Köpfe auch noch ein tolles Angebot für Museen ausdenken, dann wäre ich noch begeisterter. Ich könnte mir viele Szenarien vorstellen, wo eine solche Lösung zum Einsatz kommt. Zum Beispiel bei Schulklassen.

 

Das war mein erster Post zur #kbreise15.

Für die Vollständigkeit hier auch die anderen Teilnehmer, die in den nächsten Tagen sicher ebenso fleißig bloggen werden. Ein dickes #ff für alle davon!

Anke von Heyl
www.kulturtussi.de

Michelle van der Veen
www.museumsglueck.wordpress.com

Angelika Schoder
www.musermeku.hypotheses.org

Miriam Steinbach
www.dieschreibmaschine.net

Lea Zeitman
www.isawsomethingnice.ch

Sabrina Pesenti und Tamara Cantieni
www.blonderblog.ch

Dimitri Burkhard
www.newlyswissed.com

Wera Wecker
www.kulturundkunst.wordpress.com

Die MAI-Tagung 2015 – gute Ideen & einige Problematiken

Am 11. und 12. Mai 2015 fand die 15. MAI-Tagung statt. Einen Tag vorher gab es außerdem ein sehr charmantes Warm-Up mit Führung durch den HMKV im Dortmunder U. Ich bin sehr begeistert, dass die Veranstalter es seit 15 Jahren schaffen, einmal im Jahr Museumsmenschen zusammenzubringen, die sich über ihre digitalen Projekte austauschen. Ich war zum ersten Mal dabei und es hat mir gut gefallen. Mit der DASA in Dortmund wurde uns eine gelungene Location präsentiert, die sich sehen lassen kann. Die rund 200 Teilnehmer, teils von großen Häusern wie dem Frankfurter Städel, haben dafür gesorgt, dass ein abwechslungsreiches Vortragsprogramm sowie viele inspirierende Gespräche zustande gekommen sind. Ich habe viele meiner liebsten KollegInnen wieder getroffen und einige „neue“ kennengelernt. Das ist für mich mit das Schönste an diesen Veranstaltungen, man kann sich endlich wieder live austauschen und ausgiebig diskutieren. Diskussionen gab es leider wieder vor allem in den Kaffeepausen. Das Programm war aber auch so eindrucksvoll umfangreich, das zwischen den Vorträgen einfach die Zeit zu knapp war für eine größere Diskussion im Plenum. Einige Gedanken, die mir zu einzelnen Projekten gekommen sind, möchte ich deshalb hier nochmal aufgreifen und vielleicht entsteht ja ein digitaler Austausch.

Für mich persönlich besonders aufregend war mein erster eigener Vortrag. Der wird auf dem Marta Blog veröffentlicht. Dazu wünsche ich mir natürlich zahlreiche Rückmeldungen.

Meine Highlights

Bevor ich auf die Problematiken zu sprechen komme, die mich immer noch beschäftigen, möchte ich kurz einige Projekte nennen, die sich jeder digital Interessierte anschauen sollte!
Eine besonders gelungene App hat das Ethnologische Museum Berlin mit „BorderCheck“ umgesetzt. Katharina Kepplinger stellte die standortbezogene App mit der zugehörigen Beacons-Technologie vor. Besonders das Konzept hat mich überzeugt! Mit der App kann jeder Museumsbesucher in der Ausstellung austesten wie es ist, mit unterschiedlichen Nationalitäten in unterschiedliche Weltregionen zu reisen. Neben der wirklichen ansprechenden Lösung mit einem Serious Game haben mich Inhalt und Anwendung wirklich von einer App-Lösung überzeugt. Ich kann sogar sagen, es ist die allererste Museumsapp, die mich wirklich beeindruckt hat und die ich hoffentlich bald ausprobieren kann.

Ein weiteres Highlight für mich war der Vortrag von Violetta Rudolf von past[at]present. Das junge Team von HistorikerInnen und KulturwissenschaftlerInnen hat es sich zur Aufgabe gemacht, an der Schnittstelle von Wissenschaft und Öffentlichkeit, unsere Geschichte mit innovativen Formaten zu vermitteln. Die Umsetzung wird dann auch gleich erforscht. Ich habe den Eindruck, dass machen sie richtig, richtig gut. Vorgestellt hat Violetta Rudolf die Projekte „Wo Gras drüber wuchs – Das Tempelhofer Feld im Nationalsozialismus“ und „kudamm’31. eine unerhörte Geschichte“. Beide sind sehr unterschiedlich, in ihrer Innovation jedoch gleich spannend. „Wo Gras drüber wuchs“ ist ein Geocaching-Projekt, das den Nutzer dazu einlädt die Geschichte des Tempelhofer Feldes auf drei verschiedenen Routen ganz neu kennenzulernen. Eingeflossen sind die Ergebnisse aktuellster Grabungen. Wer sich darauf einlässt wird mit historischen Dokumenten, Zeitzeugenberichten, Interviews und Fotos belohnt.
Das Projekt „kudamm’31“ vermittelt die Vorgänge des 12.9.1931, die als „Kurfürstendamm-Progrom“ in die Geschichte eingegangen sind. Per GPS kann auf 45 Audiofiles zugegriffen werden, die mit Hilfe von Radio Aporee lokal mit dem Kudamm verknüpft sind. (Radio Aporee ist übrigens auch ein sehr spannendes Projekt) Die App lässt es zu, die Files bereits im Vorfeld zu speichern, so dass man diese offline abrufen kann. Die angespielten Beispiele haben mich sehr bewegt und ich hoffe ich finde bald Zeit, mich am Kudamm mal ganz neu „umzuhören“. Die Arbeit der jungen Wissenschaftler von past[at]present werde ich ab jetzt fleißig verfolgen und ich bin sehr gespannt welche Projekte noch folgen werden. Ich hoffe auch wer so vorbildlich mit den dunklen Abschnitten unserer Geschichte innovative Vermittlungsprojekte umsetzt, bekommt in Zukunft noch größere Aufmerksamkeit von einem breiten Publikum.

Einige unausgesprochene Problematiken

Ich habe die MAI-Tagung sehr genossen und habe viele Eindrücke mitgenommen. Besonders wichtig finde ich, Projekte und auch meine persönliche Arbeit regelmäßig zu reflektieren und zu hinterfragen. Natürlich redet niemand gerne über Probleme oder Bedenken, aber aus diesen kann man oft am meisten lernen. Das Internet und die digitale Welt sind kein Neuland mehr und doch erschließen die Kulturinstitutionen im deutschsprachigen Raum diese Ebene der Gesellschaft noch zaghaft und langsam. Am ersten Tag wurden deshalb wahrscheinlich vor allem Apps vorgestellt. Ja Apps sind toll und begleiten unseren Alltag, aber sind sie immer sinnvoll? Sind sie immer gut umgesetzt? Nein! Nicht umsonst verschwinden die meisten wieder recht schnell vom Markt. Eine Sache hat mich deshalb tatsächlich zwischendurch geärgert, eine andere hat mich nachdenklich gemacht.

Geärgert habe ich mich über den Zustand, dass viele Museen neue Wege gehen, diese aber nicht kommunizieren oder gar bewerben. So wurden mir zwei Apps zu Ausstellungen vorgestellt, die ich besucht habe, jedoch ohne zu wissen, dass die Apps existieren. Erklärung: Es gab zwar Gelder für die Umsetzung, aber nicht fürs Marketing. Liebe Stiftungen, Förderer und Museumsleute, diese Einstellung verschwendet Ressourcen! Apps sind aufwendig und kosten viel Zeit und Energie in der Entwicklung. Wenn man nicht in der Lage ist, diese dann auch bekannt zu machen, lasst es. Es ist kein Muss eine Ausstellungsapp zu haben, wenn nicht gar bei kurzen Wechselausstellungen sogar Schwachsinn. Es ist auch nicht immer die beste Lösung mit Studenten zu arbeiten, manchmal braucht man einen professionellen Spieleentwickler. Den Aspekt werde ich hier nicht weiter thematisieren, weil dazu bereits ein Blogbeitrag existiert. Auch die Fragen nach den Endgeräten, die bedient werden sollen, ist keineswegs marginal. Jeden Gerätetyp, den man ausschließt, hält ganze Personenkreise davon ab, die App zu verwenden. Eine genaue Zielgruppenanalyse sollte dem ganzen schon voran gehen. Im Zweifel wissen Eure Besucher ohnehin was sie möchten! Einfach mal nachfragen 😉 Ich würde mir wirklich wünschen, dass das Thema „Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit von Apps im Kulturbetrieb“ endlich ausführlich diskutiert wird, sonst haben wir bald unser eigenes „Un-Wort“ geschaffen.
Vielleicht könnten die Häuser sich auch erstmal WLAN zulegen, damit auch die Rahmenbedingungen für Apps vorhanden sind. Das Datenvolumen der meisten Menschen ist schließlich begrenzt und ich bin tatsächlich nicht ohne weiteres bereit dieses für irgendeine App aufzubrauchen. Mal ganz davon ab, dass auch noch Speicherplatz auf dem Gerät vorhanden sein muss. Die letzten Museumsapps, die ich testen wollte, hatten locker 200MB, die kann ich gar nicht entbehren auf meinem Smartphone. Das klingt alles banal, sollte aber dringend bei der Planung und Konzeption einer App berücksichtigt werden.

Nachdenklich gemacht hat mich die Vorstellung von der Rummelsburg-App durch Thomas Irmer und Klaus König. Im Großen und Ganzen hat mich die App erstmal überzeugt! Die Idee mit einer App die laufende „Open-Air-Ausstellung“ an einem historischen Ort zu erweitern, die für jeden verfügbar ist, finde ich super. Die gezeigte Ausstellung umfasst die Zeit vom Kaiserreich bis zur friedlichen Revolution 1989, die App thematisiert die Zeit des Nationalsozialismus und der DDR. Auch hier wurde erreicht ein dunkles Kapitel der Geschichte sinnvoll darzustellen. Die gezeigten Ansichten haben mich vom Konzept überzeugt und auch die Umsetzung ist stimmig und dem Thema angemessen. Überhaupt nicht gefallen hat mir allerdings der Teil der App, der sich an Kinder ab 10 Jahren richtet. Diese sollen durch spielerische Elemente (Puzzle) und eigene Inhalte die Geschichte des Ortes erfassen und bekommen bei vollständigen Puzzle noch ein Überraschungsvideo. Als ich dieses „Belohnungsvideo“ für den erfolgreichen Abschluss der Tour gesehen habe, war ich entsetzt. Da erzählt ein ehemaliger Häftling der DDR eine „lustige“ Anekdote aus seiner Zeit in der Haftanstalt. Die Inhalte sind zwar für Kinder aufbereitet, keine Frage, aber was soll das? Lustige Geschichten gegen Puzzleteile, wenn es um Themen wie Drittes Reich und DDR-Haftanstalten für „Asoziale“ (damals offizielle Bezeichnung) geht. Da haben wir im Netz gerade erst über Banalität in der Vermittlung diskutiert und dann lernt man geradezu ein Paradebeispiel dafür kennen. Ich bin wirklich dafür, dass Kinder unsere Geschichte kennenlernen, aber es gibt auch heute noch andere Möglichkeiten dafür. 10-jährige sollten vielleicht lieber mit einem direkten Ansprechpartner bzw. den Eltern historische Orte kennenlernen. Vielleicht ist manchmal ein richtig gutes Buch für die Altersgruppe angemessener. Vielleicht sollte man auch erst generell mehr geschichtliches Vorwissen haben, mit 10 ist man immerhin erst in der 4. Klasse, der wichtige Geschichtsunterricht kommt also erst noch. Warum Kinder nicht erstmal für Geschichte begeistern bevor man gleich an die richtig harten Themen geht. Geschichtliche Ereignisse muss man schließlich auch erfassen und einordnen können. Dafür braucht man Bezugspunkte. Eine Tour für Jugendliche könnte mich eventuell noch überzeugen, aber dieses Konzept kann ich nur schwer nachvollziehen, obwohl ich die App an sich sehr gelungen finde. Eine Diskussion über App-Lösungen für Kinder sollte vielleicht auch mal geführt werden.

Weitere Berichte zur MAI-Tagung werden hoffentlich noch von anderen Teilnehmern folgen, denn es war wirklich zuviel um über alles zu schreiben. Einen guten Blick auf Tag 1 hat Anke von Heyl.

Was Museen von Disney World lernen können! oder Der größte Smartplace der Welt

Die letzten zwei Wochen habe ich Urlaub im wunderschönen Florida gemacht und seit Jahren das erste Mal wieder Walt Disney World (WDW) besucht. Als Familientrip geplant, wurde der Besuch schnell zur aufschlussreichen Feldstudie in Sachen Smartplaces. Ebenso hatte ich einige erhellende Momente was es wirklich bedeutet eine nützliche App für Besucher bereitzustellen.

Um Missverständnissen vorzubeugen möchte ich vorab betonen, dass es mir nicht darum geht, dass Museen generell zu Orten wie WDW werden. In Sachen Vernetzung mit dem Besucher, hilfreichen App-Angeboten und individuellem Erlebnis hat WDW jedoch durchaus eine Vorbildfunktion, von der Kulturinstitutionen sich inspirieren lassen sollten.

Alles neu in WDW

Das WDW einige Neuerungen eingeführt hat seit ich vor einigen Jahren das letzte Mal dort war, fiel mir sofort auf. Statt eines Papiertickets, das durch eine Lesegerät geschoben werden muss, gab es dieses Mal schicke Tickets in Kreditkartenform auf die auch direkt eine „Fastpass“-Option gebucht werden kann. (Der Fastpass ermöglicht es Besuchern gegen Aufpreis an den Warteschlangen vorbei zu gehen.) Besonders schnell fiel mir auf, dass die meisten anderen Besucher um uns herum Disney-Smartbands trugen, mit denen sie einfach in den Park hineinspazieren konnten. Meine Neugier war schon mal geweckt. Doch dazu gleich mehr. Besonders im Ausland schätze ich es sehr, wenn mir freies WLAN zur Verfügung steht, so dass ich mein Smartphone weiterhin benutzen kann. Begeistert durfte ich feststellen, dass auf dem gesamten Gelände von WDW freies WLAN zur Verfügung steht. Ohne Registrierung, ohne Passwort. Ich bin ohnehin gewöhnt, dass WLAN in den USA wirklich überall verfügbar ist, jedoch war ich trotzdem beeindruckt, da wir beim WDW immerhin von einem Areal sprechen, das 6 Parks, 1 Downtown-Area und 23 Hotels beinhaltet. Mit einer Fläche von 15.000 Hektar, die diverse reine Grünflächen und teils Inseln beherbergt, war es sicher eine Herausforderung starkes, flächendeckendes WLAN zu installieren. Aber beim WLAN haben sie nicht aufgehört.

Die WDW Apps

Insgesamt stellt Disney 3 unterschiedliche Apps speziell für den Besucher der Parks zur Verfügung. Die Apps gibt es für Apple, Android und Windows Phones und sind kostenfrei. Drei Apps sind zuviel mag man auf den ersten Blick denken, jedoch bedienen die drei Apps unterschiedliche Bedürfnisse und sind dadurch unterschiedlich komplex sowie für verschiedene Besuchergruppen interessant.

1. Die WDW Wartezeiten App – Für einen Freizeitpark mit 40 Mil. Besuchern im Jahr sicherlich sinnvoll. Die App liefert genau das, was der Name verspricht, nämlich nach Parks sortiert, die gesamten aktuellen Wartezeiten der einzelnen Attraktionen. Diese App habe ich selbst immer wieder genutzt und sie hat mich tatsächlich begeistert, da sie Nerven und Zeit spart.

2. Die WDW Karten App – Diese App bietet schon mehr und eignet sich sicher besonders für Besucher, die noch nicht mit dem Park vertraut sind. Nach Parks sortiert findet man hier Karten mit den Attraktionen, Restaurants, Toiletten und Character-Spots. Die Karten sind zoombar und dadurch sehr gut lesbar. Bei den Attraktionen werden ebenfalls die Wartezeiten angezeigt. Ebenso kann man alles außer die eingeblendeten Toiletten auch anklicken und erhält eine Erklärung, um was für eine Art von Attraktion/Restaurant es sich handelt. Die App ersetzt im Prinzip die herkömmlichen Faltkarten aus Papier, die nicht nur schwer lesbar, sondern auch recht unübersichtlich sind. Darüber hinaus sind diese immer schnell abgenutzt durch häufiges falten. Eine App, die dieses Problem löst scheint also nur sinnvoll. Vor allem, wenn es im gesamten Park WLAN gibt. Darüber hinaus bietet sie extra Features wie die Wartezeiten, Restaurant-Speisekarten, Zoom etc.

Nun wird der aufmerksame Leser sich fragen, ob die zweite App die erste nicht überflüssig macht, da sie ja ebenso die Wartezeiten anzeigt. Aus eigener Erfahrung kann ich das verneinen, da die Wartezeiten in der ersten App in einfacher Listenform angezeigt werden, die viel übersichtlicher ist als die großen Karten. Das liegt im Fall von WDW schlichtweg an der Größe des Areals. Dadurch war die erste App für mich eher eine Bereicherung neben der zweiten, die ich nicht so häufig gebraucht habe, weil ich den Park relativ gut kenne.

Das MagicBand und die MyMagic+ App

Seit 31. März 2014 gibt es das MyMagic+ Programm in WDW. Besucher müssen dafür das MagicBand (Disneys eigenes Smartband) erwerben bzw. bekommen es in Buchungspaketen mit Hotel inklusive. Das Smartband ist dabei Eintritt, Zimmerschlüssel, Bezahlmöglichkeit und Fastpass zugleich. Disney-typisch gibt es nicht nur verschiedene Farben, sondern ebenso diverse Accessoires durch die man das Band personalisieren kann. Sogar eine persönliche Gravur ist möglich. Mit einem Grundpreis von 20$ für das Band und 5-10$ für Zubehör ist es nicht verwunderlich, dass die meisten der anderen Besucher ein Band ums Handgelenk trugen. Das Band lässt sich über die MyDisneyExperience Website oder noch einfacher die MyMagic+ App bedienen.

Neben den bereits erwähnten Möglichkeiten, lässt sich auf das Band auch der Fotopass laden, mit dem man die Option erwirbt sich an allen sehenswerten Punkten von einem professionellen Fotografen in Szene setzen zu lassen. Hat man Pass und Band, sind die Fotos sofort im eigenen Account bzw. in der App einsehbar und können verwendet werden. Ebenso lässt sich die Nutzung des Fastpasses über das Band steuern. In der App kann ausgewählt werden welche Attraktion man ohne Anstehen besuchen möchte, woraufhin man einen Zeitrahmen (üblicherweise etwa 1 Stunde) zugeteilt bekommt, in dem man mit seinem Band an der Schlange vorbei gehen kann. Über die App lässt sich, praktischer Weise, auch nicht nur das eigene Band managen, sondern das der ganzen Familie. Dabei kann man alle Bänder gleich und jedes einzeln anwählen. So das beispielsweise zwar der Fastpass immer für alle gilt, aber nur die Erwachsenen mit ihren Bändern in den Shops bezahlen können. Ebenso lassen sich Restaurant-Reservierungen so schnell und einfach vornehmen. Sämtliche Einstellungen und Pläne, die man in seinem Account vornimmt werden in der App automatisch als praktische Tagespläne angezeigt. Die interaktiven Karten der Parks in der MyMagic+ App sind ebenfalls auf das Band eingestellt und zeigen neben den Inhalten der WDW Karten App besondere Angebote in der direkten Umgebung und auch in der nahen Zukunft stattfinde Paraden etc.

Benachrichtigungen und Angebote für MyMagic+ Nutzer

Natürlich funktioniert das Ganze nicht nur in eine Richtung. Wer das MagicBand trägt bekommt ebenso Nachrichten auf sein Smartphone gesendet, die Disney für den jeweiligen Besucher für interessant hält. Das können besondere Angebote von Geschäften in der Nähe sein, aber auch besondere Ermäßigungen in den Restaurants. Darüber hinaus stehen aber auch Besonderheiten wie das Treffen von Disney-Figuren, bessere Plätze bei Paraden und Feuerwerken für die Besucher zur Verfügung. Diese werden nach Aussage der Macher auf jeden Besucher persönlich zugeschnitten, so das beispielsweise die Mutter von Teenagern nicht die gleichen Angebote bekommt wie die Mutter eines Kleinkindes. In wie weit das praktisch gut funktioniert kann ich selbst nicht beurteilen, gehe aber auf Grund des betriebenen Aufwandes und der Tatsache, dass jeden Band mit einem Account verknüpft ist, davon aus, dass Disney das ganz gut im Griff hat. Zudem bietet Disney tatsächlich die Möglichkeit das Empfangen von klassischen Werbeangeboten bzw. überhaupt das Empfangen von Nachrichten auszustellen. Hier wäre es sicher spannend mal die Statistiken zu betrachten.

Big Data für Disney

Der größte Smartplace der Welt mit 40 Mil. Besuchern im Jahr bedeutet auch eine unwahrscheinlich große Menge an Daten. Seit es das MagicBand bei Hotelbuchungen umsonst gibt, dürfte die Großzahl der Besucher eines umhaben. Nach eigener Aussage benutzt Disney die Daten anonym zur Verbesserung der Parks und gibt diese nicht an Dritte weiter. Vorbildlich ist in diesem Sinne eine sehr umfangreiche Aufklärung über die Nutzung der Daten auf der Website. Und letztendlich hat WDW schon immer Daten erhoben. Selbst mit den Papiertickets war nachvollziehbar wann und wie lange die einzelnen Besucher sich in den Parks aufgehalten haben. Heute ist das ganze eben differenzierter geworden.

Fazit?!

Da ich das Band und die dazugehörige App noch nicht selbst verwendet habe, sondern vor allem die anderen Besucher damit beobachtet habe, kann ich kein abschließendes Fazit geben, sondern werde meine Eindrücke zusammenfassen und beschreiben in wie weit es mich für meine Arbeit im Museen inspiriert hat.

Für mich tatsächlich direkt greifbar war die Nutzung der Bänder für die Auswertung der Wartezeiten, die mittlerweile mit Hilfe der Bewegungsdaten der Besucher erhoben werden. Ich gehe stark davon aus, dass die Auswertung der eingehenden Daten WDW stark verändern werden. Bereits verändert hat sich der Eingangsbereich der einzelnen Parks. Wo früher Drehkreuze mit Lesegeräten für die Papiertickets standen, stehen heute ziemlich stylische Lesegeräte für die Bänder. Mit dem Verhältnis früher 1 Drehkreuz = heute 4 Lesegeräte. Auch das Anstehen vor den Parks hat sich dadurch also bereits verbessert. Noch fahren jedoch die Busse, Boote und Schwebebahnen zwischen den Parks in einem festen 20 min. Rhythmus. Mit den Bändern lässt sich dies in Stoßzeiten in Zukunft hoffentlich besser organisieren.

Alles in allem bin ich sehr beeindruckt davon, was Disney in WDW auf die Beine gestellt hat. Inspirierend finde ich daran vor allem den Fokus Besucher. Natürlich bekommt Disney einen unbezahlbaren Datenschatz, aber sie bieten ihren Besuchern mit Hilfe der App und des Bandes tatsächlich echte Mehrwerte. Der gesamte Urlaubsplan sowie der Aufenthalt können damit organisiert werden. Lästige Wartezeiten werden fast vollständig vermieden. Es gibt Werbung, die scheint sich jedoch in Grenzen zu halten und bezieht sich auf die konkrete Planung des einzelnen Besuchers und bietet mich besonderen Angeboten bei den teuren Disney-Artikeln für die meisten Besucher wohl auch einen Mehrwert. Außerdem kann sie abgestellt werden. Und viele Besucher, die ich gesehen habe, haben sich außerdem zusätzlich Accessoires für ihre Bänder gekauft, können sich also offensichtlich mit dem Produkt und dem Angebot identifizieren.

Die Betrachtung der digitalen Angebote in WDW – von der Wartezeiten App bis zum MagicBand – haben mir mal wieder gezeigt wie wichtig es ist bei Apps und anderen Angeboten ist an die Bedürfnisse seiner Besucher zu denken. Museen müssen sich nicht wundern, wenn sie für Apps schlechte Download-Zahlen haben, da diese meistens keinen echten Mehrwert bieten und der Besuch eben ohne genau so gut funktioniert. Der Besuch hat mir auch gezeigt was ein Smartplace wirklich ist, wie es wirklich aussieht, wenn ein Ort mit seinen Besuchern in Kontakt tritt. Entwicklungen, die in Deutschland eher langsam voran gehen. Bei den begrenzten Ressourcen von Museen sollte man jedoch endlich mal darüber nachdenken auf welche Art man digital einen echten Mehrwert für den eigenen Besucher schafft bzw. mal herausfinden wer dieser eigentlich ist und was dieser sich wünscht bzw. vielleicht bei einem Besuch vermissen könnte.

Warum nicht mal eine MuseumsApp denken, die tatsächlich nicht nur Inhalte erklärt, sondern auch den Besuch, Ticketkauf, Buchung einer Führung etc. vereinfacht? Die nicht nur guten Content liefert, sondern auch praktisch hilft. Die Ansprechpartner und Orientierungshilfe ist. Und die darüber hinaus dann auch noch personalisierbar ist. Bei der, der Besucher selbst entscheidet wie viel er über sich preisgibt und ob er Angebote erhalten möchte und in welcher Form. Heute möchte jeder sein persönliches Erlebnis haben. Ein Verlangen, das WDW anscheinend richtig beantwortet. Ein Umgang mit dem Digitalen von dem man hier in Deutschland auf jeden Fall etwas lernen kann!

#MuseumSelfies, Fotografierverbote und das Urheberrecht

Warum Museen umdenken müssen!

Nachdem in den letzten Wochen nicht nur bei uns im Museum, sondern auch im Netz wieder verstärkt über das Thema diskutiert wurde, habe ich mich entschieden meine Eindrücke und Gedanken dazu doch zu verbloggen. So lange wir in Deutschland keine Rechtssicherheit und klare Regelungen für Museen haben, muss eben über das leidige Thema diskutiert werden.

Sehr anregend für mich war der Vorschlag von der wunderbaren Kunstvermittlerin Anke von Heyl kreativ mit dem neuen Phänomen des Museumselfie umzugehen. Aber kreativer Umgang wird dann schwer, wenn Museen kein Recht haben, die Kunst, die sie zugänglich machen und zeigen auch im digitalen Raum zu präsent zu machen? Und hier sind keine Werbeanzeigen gemeint, sondern das reine unkommerzielle Fördern junger Künstler, das Sichtbarmachen neuer Positionen und das Vermitteln der jüngeren Kunstgeschichte. All dies ist streng genommen mit dem deutschen Urheberrecht nicht vereinbar. Vor allem die Werke, die ein Museum für die eigene Sammlung gekauft hat und die teilweise als Schätze in Depots lagern, weil sie momentan nicht in den Ausstellungsplan passen, dürfen der Öffentlichkeit nicht präsentiert werden.

Das Absurde einer Sammlung

Das ist vor allem absurd, da besonders in der Politik (beim Ringen um öffentliche Gelder) immer betont wird, dass Museen erhalten und finanziell unterstützt werden müssen, weil sie Kunst für die Gesellschaft bewahren und sich verpflichten ihre Sammlungen zugänglich zu machen. Wie soll das nun praktisch funktionieren, wenn die meisten Museen zuviel Angst vor hohen Lizenzforderungen haben, um sich zu trauen ihre Sammlungen online zugänglich zu machen. Ein wichtiger Schritt nicht nur für die Gesellschaft, sondern ebenso für die Forschung, die ebenso nicht im Geld schwimmt und daher darauf angewiesen ist, dass Museen ihre Werke zugänglich machen.

In den Diskussionen wird dann meist auf die VG Bild-Kunst geschimpft. Das ist einfach und ich gebe zu, dass ich auch schon geflucht habe. Nicht weil ich etwas gegen diese Institution, die letztendlich die Rechte der Künstler vertritt habe, sondern weil das Ergebnis in der Regel ist, dass ich Werke der dort vertretenen Künstler schlichtweg nicht zeigen kann. Die meisten Museen können es sich eben schlicht nicht leisten im Jahr mehrere tausend Euro zu bezahlen nur um Werke digital abbilden zu dürfen. An dieser Stelle betone ich gerne nochmal, es geht hier um die reine Zugänglichmachung, es geht nicht um kommerzielle Zwecke, für die sehr wohl gezahlt werden sollte. Selbstverständlich könnte man nun sagen: „Dann zeigt wenigstens die Künstler, die sich noch nicht vertreten lassen.“ Kann man machen, aber auch dann sollte man mit jedem Künstler eine Vereinbarung treffen. Sonst können in Zukunft Forderungen entstehen.

Momentan sieht es also so aus, dass man eigentlich mit jedem Künstler bzw. Rechteinhaber eigene Verträge aufsetzen muss, einfach nur, damit man online beispielsweise seine museumseigene Sammlung präsentieren kann. Selbst bei einer kleinen Sammlung ein immenser Aufwand.

„Fotografieren verboten!“ und die verschenkte Chance der Besucherinteraktion

Aktuell ist die gelebte Praxis oft das strikte Fotografierverbot in deutschen Museen. Ein nicht mehr zeitgemäßer, grauenhafter Zustand. Wer mutig ist, muss sich innerlich zumindest auf Zahlungsaufforderungen vorbereiten. Kann es doch sein, dass ein glücklicher Besucher sein Selfie vor dem „falschen“ Bild macht und in den virtuellen Raum schickt. Dabei liegt gerade in diesem Verhalten die große Chance für die Zukunft der Museen und ebenso für die Künstler.

Ein Selfie ist niemals vor einem beliebigen Bild gemacht worden, sondern vor einem, das Eindruck hinterlassen hat. Neben dem Bild wird in der Regel stolz verkündet wo es aufgenommen wurde und wer der Künstler ist. Hier entsteht ein emotionaler Moment mit der Kunst, den keine Präsentation, kein Wandtext … schaffen kann. Und der verbreitet sich auch noch und wird nicht geheim gehalten. Das „Schlimmste“, das daraufhin passieren kann ist, das weitere Besucher kommen und Menschen erreicht werden, die bisher noch nicht im Museum waren oder Museumsbesuche nicht unbedingt für ihre Freizeit in Erwägung ziehen.

Aus diesen Gründen brauchen wir ein Umdenken in Deutschland. Die Museen müssen sich trauen das Fotografieren endlich flächendeckend zu erlauben. Nur in der Masse wird das dazu führen, dass neue Regeln entwickelt werden. Ein runder Tisch und eine offene Diskussion, nicht nur unter geplagten Museumsmitarbeitern, sondern mit Juristen, der VG Bild-Kunst und der Politik ist längst überfällig und sollte dringend in Angriff genommen werden. Museen brauchen die Möglichkeit ihre eigenen Sammlungen auch online zugänglich zu machen! Und Besucher brauchen das Vertrauen und die Wertschätzung „ihre“ Museen in Besitz nehmen zu dürfen und stolz auf deren Arbeit zu sein!

Qualitätskriterien virtueller Museen

Am 23. und 24. Oktober fand im LWL-Museum für Kunst und Kultur die Tagung zur Qualität in Museen statt.  Das Tagungsprogramm bot eine interessante Mischung von Vorträgen renommierter Museumsvertreter und Forscher, Diskussionsrunden mit Förderern, Trägern und Besuchern, sowie ein Panel mit Impulsvorträgen von Nachwuchswissenschaftlerinnen. Als eine von sieben dieser Nachwuchswissenschaftlerinnen war ich eingeladen über Qualität virtueller Museen zu sprechen. Da ein Impulsvortrag von 5-7 Minuten nur bedingt die Möglichkeit gibt ins Details zu gehen, möchte ich an dieser Stelle meinen Vortrag nicht zusammenfassen, sondern weiter ausführen.

Die Frage nach einer Definition von Qualität und ihren Kriterien in virtuellen Museen beginnt schon bei der fehlenden Begriffsdefinition, auf die ich bereits vor ein paar Monaten in einem separaten Blogbeitrag eingegangen bin. Grundsätzlich lässt sich aber festhalten, dass virtuelle Museen ähnliche Aufgaben (Sammeln, Erforschen, Bewahren, Ausstellen, Zugänglich machen) haben wie reale Museen bzw. diese erweitern/ergänzen sollten. Daraus ergeben sich für mich erste Ansätze für Qualität und ihre Messung.

Virtuelle Museen sollten zwingend einige Grundbedingungen erfüllen, damit sie diesen Aufgaben überhaupt nachhaltig gerecht werden können:

I. Technische Einfachheit – Eigentlich die Grundvoraussetzung für den Erfolg eines virtuellen Museums, zeigen sich doch große Unterschiede bei einzelnen Projekten dieser Art. Technische Einfachheit beginnt bei der Steuerung und Bedienung! Diese sollte sich dem Nutzer von selbst erklären und leicht zugänglich sein. Je komplizierter der Zugang und Umgang mit dem virtuellen Museum, desto mehr Nutzergruppen werden ausgeschlossen. Gerade in Zeiten in denen das Wort Inklusion ein Anspruch und keine Utopie mehr ist, sollte man diesen Aspekt sehr ernst nehmen. Technische Einfachheit bedeutet auch technische Zugänglichkeit. Virtuelle Museen sollten von mobilen Geräten nutzbar sein, dadurch können sie gleichzeitig eine Erweiterung realer Ausstellungen darstellen und einen echten Mehrwert für den Museumsbesucher schaffen.

II. Zusammenarbeit mit Experten – Egal ob virtuelle Museen mit Augmented Reality oder Gamification kombiniert werden, sobald man auf diese Techniken zurückgreifen möchte, (was ich für absolut empfehlenswert halte, weil sie ein unglaubliches Potential für die Vermittlung bieten) braucht man Experten an seiner Seite. Professionelle Spieleentwickler wissen nicht nur wie der Markt funktioniert, sondern auch wie man welche Spielertypen anspricht. Auch zu diesem Punkt gibt es einen ausführlichen Blogbeitrag. Ebenso ist eine erfolgreiche Umsetzung von interessanten Augmented Reality Elementen nur möglich, wenn jemand Teil des Entwicklerteams ist, der auf ausreichend Erfahrung in diesem Bereich zurückgreifen kann.

III. Interdisziplinäre Vermittlung – Die Möglichkeiten virtueller Museen gehen weit über klassische Vermittlungsarbeit hinaus und die Frage, Was, Wie und für Wen sollten ganz oben auf der Prioritätenliste stehe. Wenn das konkrete virtuelle Museum erstmal fertig entwickelt ist, ist es eigentlich schon zu spät. Idealerweise wird es bereits als Antwort auf diese Fragen entwickelt. An dieser Stelle ist Punkt II wieder relevant, denn ein Spieleentwickler kann maßgeblich dabei helfen zu entscheiden wie man seine Vermittlungsziele konkret erreichen kann. Ein virtuelles Museum, das wirklich jeden einzelnen anspricht ist schwer realisierbar, aber ein umfangreiches Konzept wie man welche Nutzergruppen anspricht und animiert, ist für dieses Ziel absolut essentiell.

IV. Kontinuierliche Datenauswertung – Qualität und Nachhaltigkeit lassen sich nur erreichen, wenn man seine Zahlen kennt und vor allem auswertet. Dabei vertrete ich keineswegs die Meinung, dass Zahlen das Non-Plus-Ultra für Qualität sind, aber sie sind unglaublich hilfreich. Wenn ich weiß, dass mein virtuelles Museum hohe Nutzerzahlen aufweist ist es schonmal für eine breitere Öffentlichkeit interessant. Wenn ich weiß, welche Angebote innerhalb des virtuellen Museum stark genutzt werden, kann ich diese ausbauen und andere möglicherweise modifizieren. Da Projekte dieser Art auch in Zahlen besonders teuer in der Umsetzung sind, sollte man vor allem nach der Umsetzung seine Zahlen und Daten nicht aus den Augen verlieren. Gerade hier liegt ein großes Potential virtueller Museen. Im Gegensatz zum realen Museum kann ich erfahren, wie lange einzelne Besucher sich aufhalten, wo sie verweilen und was sie besonders interessiert. Erkenntnisse, die sich im Zweifel sogar auf das reale Museum übertragen lassen.

V. Nachhaltige Betreuung – Virtuelle Museen lassen sich nicht entwickeln und dann sind sie da. Wie reale Museen müssen sie kontinuierlich und intensiv betreut werden. Etwas, das für alle digitalen Projekte gilt. Gerade bei diesem Punkt besteht großer Nachholbedarf bei den Institutionen. Erfolgreich im Netz positioniert sein und hier nicht nur Marketing, sondern richtige Vermittlungsarbeit zu leisten benötigt personelle Ressourcen und das auf Dauer. Ein nachhaltiges Betreuungskonzept sollte auch von vornherein aufgestellt werden. Projektgelder und Förderung gibt es oft nur für 2-3 Jahre, hier ist demnach eine personelle Um- und Neustrukturierung eines Hauses auf lange Sicht kaum zu umgehen, wenn ein virtuelles Museum nachhaltig konzipiert werden soll.

Mit Hilfe dieser Kriterien für virtuelle Museen ergeben sich schon einige Anhaltspunkte, wie man ihre Qualität messen kann. Je mehr Kriterien erfüllt sind, desto mehr Qualität weist ein Projekt auf.

Virtuelle Museumsprojekte können ebenso selbst ein Kriterium für gute Museumsarbeit sein. Wenn sie erfolgreich umgesetzt worden sind, zeigen sie, dass Museen sich für neue Vermittlungsformen, die digitalisierte Welt und die Bedürfnisse und Interessen ihrer Besucher öffnen. Mit Projekten dieser Art können sie ihrem Auftrag Kunst auszustellen, zu vermitteln und zugänglich zu machen in noch größerem Maße gerecht werden als bisher. Im Netz gibt es keine Öffnungszeiten, keine Eintrittspreise, keine Ländergrenzen und fast vollständige Barrierefreiheit. Ein guter Grund für mehr gut durchdachte virtuelle Museumsprojekte.