#K20K21digital | Die digitale Strategie der Kunstsammlung NRW

Am 20. Mai luden Dr. Marion Ackermann, Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und Alissa Krusch, Bereichsleiterin Digitale Kommunikation, zur Präsentation und zum Expertengespräch nach Düsseldorf ein, um die neue digitale Strategie der Kunstsammlung vorzustellen. Leider konnte ich an diesem Tag nicht dabei sein, aber ich wurde im Anschluss mit umfassendem Material versorgt und habe das Gespräch auf Twitter verfolgt. Dabei waren unter anderem Anke von Heyl, Ute Vogel und Kai Schwichtenberg. Drei Kulturblogger, die ich sehr schätze und deren Beiträge sehr lesenswert sind. Anke hat zudem bereits einen Beitrag zum Gespräch geschrieben.

Für das Thema digitale Strategien in Museen lohnt sich auch ein Blick auf den Blog von Christian Gries, der dort die Entwicklung immer wieder thematisiert und im Netz unter dem Hashtag #DigSMus sammelt und teilt.

Das vierte Haus der Kunstsammlung

Die neue digitale Strategie der Kunstsammlung NRW, die über die letzten zwei Jahre entwickelt wurde, wird als viertes Haus der Kunstsammlung bezeichnet. Eine Metapher, die ich sehr schön finde, denn in der Tat kann die digitale Präsenz zu einem weiteren Raum einer Institution werden. Ähnlich hat auch die Tate in London ihre digitale Strategie im Jahr 2013 vorgestellt.

Insgesamt fünf Grundpfeiler hat die Kunstsammlung NRW für ihre digitale Strategie zusammengefasst, mit denen ich mich im Folgenden der Reihe nach auseinandersetze:

1. Entsprechend ihrer Grundhaltung entwickelt die Kunstsammlung eine digitale Präsentation von besonderer Qualität. Dabei kommuniziert sie im internationalen Maßstab und betont die Qualität ihrer Sammlung wie der Expertise der Wissenschaft, Bildung und Kommunikation. Dies führt zum zentralen Ansatz der Strategie, Inhalte nicht nach Algorithmen, sondern „kuratiert“ – d.h. vermittelt mit dem Blick eines Kurators als kompetentem Wegweiser – anzubieten. Der Fokus des Auftritts wird auf die bleibenden Aspekte der Sammlung gelegt.

Die neue Präsentation von besonderer Qualität besteht zunächst in einem Relaunch der Webseite und soll in der vollständigen Digitalisierung der Sammlung (2700 Werke) bis Ende 2017 gipfeln. Die Startseite der neuen Webseite soll dabei jedem Nutzer einen zielgruppenspezifischen, leichten Einstieg in die Angebote der Kunstsammlung bieten. Ebenso sollen hier alle digitalen Kanäle zusammenlaufen und mehrsprachig wird es sein. Gesehen wird die Seite eher als Portal denn als reguläre Webseite. Tagesaktuell sollen hier in Zukunft Informations-, Service- und Vermittlungsangebote präsentiert werden sowie eine umfassende Mediathek vorhanden sein. Optisch wird das ganze auf die bestehenden Print- und Digitalmedien des Hauses abgestimmt. Ehrgeiziges Ziel ist es außerdem bis zur Digitalisierung der Sammlung auch Bildungsprojekte und digitale Touren anzubieten, die in die Sammlung hineinführen.

Gleich dieser erste Grundpfeiler lässt erkennen, dass sich die Mitarbeiter der Kunstsammlung viel vorgenommen haben. Der Anspruch ist groß. Ich finde das ziemlich gut, frage mich allerdings, ob all diese Ziele auf einer Seite Platz finden können. Das in Zielgruppen gedacht wird ist ein guter Anfang, ob man wirklich jeden mit einer Seite auf die richtige Weise ansprechen kann, halt ich für schwer umsetzbar. Hier könnten Chatbot-Technologien zum Einsatz kommen, die immer besser werden.

Knapp eine halbe Million Besucher hat die Webseite jedes Jahr. Etwa 100.000 mehr als das Haus real besuchen. Für diese eine Plattform zu schaffen macht durchaus Sinn. Mich hätte jetzt allerdings noch interessiert wer die digitalen Besucher sind. Eher Frauen oder Männer? Welche Altersgruppen? Aus welchen Ländern? Soviel Einblick gibt’s dann leider doch noch nicht. Auf Twitter wurde erwähnt, dass bei der Entwicklung mit Personas gearbeitet wird, das finde ich äußerst spannend und würde gerne wissen, welche Zielgruppen am Ende wirklich bedacht werden. Da der Dialog nun eröffnet ist, gibt es dazu ja vielleicht in der Zukunft mehr.

Dem „Kurator als kompetenten Wegweiser“ stehe ich skeptisch gegenüber, klingt es für mich doch sehr nach Elfenbeinturm. Da wird man die Umsetzung abwarten müssen. Vielleicht zeigt es auch nur eine gewisse Zurückhaltung gegenüber dem Internet, die es noch an so vielen deutschen Häusern gibt.

2. Grundsätzlich liegt auf der ästhetisch-grafischen Gestaltung der digitalen Medien und der Erfahrbarkeit der Sinnlichkeit des Kunstwerkes ein besonderer Wert. Auch mit dem digitalen Neubau lebt die Kunstsammlung die Nähe zu den Künstlern. Gerade diese nutzen den digitalen Raum für überraschende, radikale, ganz eigene künstlerische Umsetzungen. Künstlerinnen und Künstler der Sammlung und des Ausstellungsprogramms sind eingeladen, den digitalen Raum für ihre Projekte künstlerisch zu nutzen.

Nah an der Kunst soll es sein, die für das Haus im Mittelpunkt steht. Ein verständlicher Ansatz, dennoch finde ich es schwierig bei der Konzeption einer Plattform für viele Zielgruppen von der Kunst und den Künstlern aus zu denken. Meiner Meinung nach sollte gerade in einem öffentlichen Haus der Mensch an erster Stelle stehen. Zeitgenössischen Künstlern eine Plattform zu bieten ist großartig und sollte ein Teil davon sein, auch sie sind ja eine Ziel- oder Anspruchsgruppe.

Ein ähnliches Projekt hat das ZKM übrigens vor einigen Jahren mit AOYS verwirklicht. Jedoch scheint mir dort das Problem, dass zwar der Kunst eine gute Plattform geboten wird, die Usability aber zu kurz kommt. Auch habe ich dort immer ein umfassendes Marketing vermisst.

Auch die Kunstsammlungen täten gut daran ihre digitalen Tätigkeiten mehr zu bewerben. Es gab bereits zwei Ausstellungsapps (2011 und 2014), die irgendwie untergingen im Tagesgeschäft. Das ist zu schade, immerhin steckt immer sehr viel Arbeit in solchen Angeboten.

Bereits bestehend und in Zukunft weiterhin ergänzend soll das Blogazine number32 funktionieren. Ich bin kein großer Fan des Designs, aber die Inhalte sind hervorragend und es ist sehr lesenswert. Das Magazin weiterhin zu füllen und ergänzend zu digitalen, künstlerischen Interventionen auszubauen, finde ich sehr schön und freue mich drauf. Im Sinne des Dialoges, der in der Strategie so betont wird, würde ich mir dort allerdings eine Kommentarfunktion wünschen.

3. Die Medienspezifik des Digitalen ist ein weiterer Grundpfeiler der strategischen Positionierung: Die digitalen Mittel für erhellende Visualisierungen zu nutzen, neue Sichtweisen zu gewinnen und gerade die komplexeren Verknüpfungen und Verbindungen der Kunstgeschichte anschaulich werden zu lassen, sind die wesentlichen Ziele der digitalen Erweiterung. Zudem werden mit hochaufgelösten digitalen Bildern neue Wahrnehmungsebenen von Kunstwerken ermöglicht. Die Inhalte sollen mit aktuellen Aspekten der Gesellschaft verknüpft werden.

Jedes Werk der Sammlung soll hochauflösend jedem frei zur Verfügung stehen. Das ist wichtig im Sinne des Museumsauftrages der Zugänglichmachung von Kunst und gehört in jede zeitgemäße Strategie. Wer ein digitales Haus bauen möchte, kann diesen Punkt eigentlich gar nicht außen vor lassen. Spannend finde ich das Ziel, dass hier sowohl Wissenschaftler als auch reguläre Besucher einen individuellen Zugang finden sollen. Bewusst möchte man sich auch von anderen Projekten wie dem Rijksstudio oder der digitalen Sammlung des Städel abheben und etwas ganz Neues präsentieren. Mehr wurde dazu leider noch nicht bekanntgegeben. Ich hoffe hier wird es Beta-Tests mit verschiedenen Zielgruppen geben. Gerade bei digitalen Sammlungen, die einige tausend Werke umfassen, sollte Wert auf die Nutzbarkeit gelegt werden. Das Rijksstudio ist für mich bis heute eine der gelungensten Ansätze in diesem Bereich, leider kommen die Inhalte etwas zu kurz, da der Fokus auf der Kreativität der Nutzer liegt. Immer mehr Häuser stellen ihre Sammlungen online, eine Lösung, die mir richtig gut gefällt habe ich noch nicht gesehen, deshalb freue ich mich sehr darauf, was die Kunstsammlungen uns nächstes Jahr präsentieren werden.

4. Gemäß ihres Auftrages, sich grundsätzlich – angesichts eines immer
diversifizierteren Publikums – an alle Menschen zu richten, verfolgt die Kunstsammlung einen konsequenten Ansatz der Individualisierung von Zugängen. Dabei geht sie auf spezifische Voraussetzungen des Gegenübers ein, handelt inklusiv, serviceorientiert und verschränkt die Erfahrungen von digitalen und realen Besuchern des Hauses.

Hier kommt endlich an vierter Stelle der Punkt der Usability. Wie bereits erwähnt, sollte das meiner Meinung nach an erster Stelle stehen, aber es ist da und das ist erstmal die Hauptsache. Allerdings finde ich den Vorsatz alle Menschen zu erreichen wirklich schwer umsetzbar. Als Idealziel ist es nichtsdestotrotz bewundernswert.  Serviceorientiert, leicht zugänglich, inklusiv und das konsequent gedacht. Da ist auf jeden Fall noch einiges zu tun. Bisher glänzt der Auftritt der Kunstsammlung nicht gerade durch Usability und leichte Zugänge.

Mich würde an dieser Stelle auch besonders interessieren, ob intensiv ausgewertet wurde, wie die Webseite und die anderen Kanäle momentan genutzt werden und wie das Besucherverhalten dort ist. Ich persönlich würde mir die Seite etwas übersichtlicher wünschen. Das die Seite in Zukunft mobilfähig wird ist ein guter Anfang. Das macht das große Ziel alles für jeden auf die Seite zu bringen aber auch nicht einfacher, nicht alles was auf dem Desktop funktioniert, macht auf dem Smartphone noch Sinn. Auch hier bin ich auf die Lösungen gespannt.

5. Der digitale Neubau der Kunstsammlung soll ein öffentlicher Schutzraum sein, eine Plattform für Austausch und Forschung mit einer explizit globalen Perspektive. Gesellschaftliche, politische und ethische Fragen werden reflektiert und Haltung dazu bezogen, etwa bei der aktuellen Debatte über die Zukunft des Urheberrechts.

Dieser fünfte und bisher letzte Punkt hat mich am meisten begeistert. Haltung zeigen und Debatten führen, fehlt mir oft an vielen Häusern. Gerade Institutionen, die zeitgenössische Kunst zeigen, sollten auch die gesellschaftlichen Probleme diskutieren, die oft in der Kunst reflektiert werden.

Ebenso finde ich es aus Perspektive des Bildungsauftrages von öffentlichen Häusern heutzutage unerlässlich Position zu beziehen und den Menschen Orientierung zu geben.

Zudem ist es wirklich überfällig, dass ein Haus sich öffentlich in der Bildrechte-Debatte engagiert. Alle Beteiligten leiden ja unter den Auflagen der VG-Bild Kunst und unter den Unsicherheiten, die das nicht auf das Internet ausgerichtete, deutsche Urheberrecht verursacht. Bisher hilft man sich irgendwie mit Fotoverboten oder man beißt in den sauren Apfel und zahlt die horrenden Gebühren, um den Besuchern das Fotografieren zu erlauben. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Die Kunstsammlung will in Zukunft auch digital eng mit den Künstlern zusammenarbeiten und dazu gehört auch mehr Kunst für Besucherfotos zugänglich zu machen. Wenn die Kunstsammlung es schafft, hier einen sinnvollen öffentlichen Dialog mit allen Beteiligten zu führen, hätten sie es wirklich geschafft digital als Vorreiter etwas zu bewegen!

Mein Fazit

Alles in allem klingt die digitale Strategie der Kunstsammlung NRW ziemlich gut und auf die Umsetzung bin ich sehr gespannt. Dass man sich dort jetzt schon als Vorreiter bezeichnet ist mir allerdings etwas zuviel, das lässt sich wohl erst entscheiden, wenn es richtig los geht.  Ebenso bleibt abzuwarten wie sich das Ganze entwickelt, wenn Marion Ackermann weg ist, hängt der Wert des Digitalen doch auch sehr an der Leitung eines Hauses.

Einen Dialog einzuläuten finde ich fantastisch und bin gespannt wie dieser nun weiter geht und sich entwickelt. Das Expertengespräch war sicher nur der Anfang. Bis die Sammlung Ende 2017 vollständig digitalisiert ist, gibt es noch viel Zeit sich mit verschiedenen Gruppen auszutauschen und zu sehen wo die Reise wirklich hingeht.

Was mir bisher fehlt ist das Thema ‚user generated content‘. Es soll kuratiert werden, Künstler sollen den Raum nutzen, aber der Besucher scheint keine Inhalte beisteuern zu dürfen. Jede digitale Plattform lebt am Ende des Tages nur durch ihre Nutzer und deren Verhalten. An dieser Stelle kann auf jeden Fall noch nachgebessert werden.

Besonders herausragend finde ich auch gar nicht so sehr die angestrebten Inhalte, sondern vor allem dass der digitalen Strategie soviel Gewicht gegeben wird. In Deutschland ja noch immer eine Seltenheit. Und damit möchte ich nicht sagen, dass Museen hier keine Strategien haben, auch wenn einige den Anschein machen, aber die wenigstens haben diese bisher so offensiv nach außen kommuniziert und gezeigt wie wichtig ihnen das ist. Da fallen mir das Städel, die Pinakotheken, das Historische Museum Frankfurt und das Marta Herford ein. Eine doch recht überschaubare Zahl. Und nun eben die Kunstsammlung NRW. Anders ist hier auf jeden Fall der Dialog der nun geführt werden soll. Ich hoffe er findet wirklich statt und ermöglicht den einzelnen Zielgruppen aktiv an den neuen Angeboten mitzuwirken.

 

Ein herzliches Dankeschön an die Kunstsammlung NRW für die Einladung und das Bereitstellen des ganzen Materials!

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Die MAI-Tagung 2015 – gute Ideen & einige Problematiken

Am 11. und 12. Mai 2015 fand die 15. MAI-Tagung statt. Einen Tag vorher gab es außerdem ein sehr charmantes Warm-Up mit Führung durch den HMKV im Dortmunder U. Ich bin sehr begeistert, dass die Veranstalter es seit 15 Jahren schaffen, einmal im Jahr Museumsmenschen zusammenzubringen, die sich über ihre digitalen Projekte austauschen. Ich war zum ersten Mal dabei und es hat mir gut gefallen. Mit der DASA in Dortmund wurde uns eine gelungene Location präsentiert, die sich sehen lassen kann. Die rund 200 Teilnehmer, teils von großen Häusern wie dem Frankfurter Städel, haben dafür gesorgt, dass ein abwechslungsreiches Vortragsprogramm sowie viele inspirierende Gespräche zustande gekommen sind. Ich habe viele meiner liebsten KollegInnen wieder getroffen und einige „neue“ kennengelernt. Das ist für mich mit das Schönste an diesen Veranstaltungen, man kann sich endlich wieder live austauschen und ausgiebig diskutieren. Diskussionen gab es leider wieder vor allem in den Kaffeepausen. Das Programm war aber auch so eindrucksvoll umfangreich, das zwischen den Vorträgen einfach die Zeit zu knapp war für eine größere Diskussion im Plenum. Einige Gedanken, die mir zu einzelnen Projekten gekommen sind, möchte ich deshalb hier nochmal aufgreifen und vielleicht entsteht ja ein digitaler Austausch.

Für mich persönlich besonders aufregend war mein erster eigener Vortrag. Der wird auf dem Marta Blog veröffentlicht. Dazu wünsche ich mir natürlich zahlreiche Rückmeldungen.

Meine Highlights

Bevor ich auf die Problematiken zu sprechen komme, die mich immer noch beschäftigen, möchte ich kurz einige Projekte nennen, die sich jeder digital Interessierte anschauen sollte!
Eine besonders gelungene App hat das Ethnologische Museum Berlin mit „BorderCheck“ umgesetzt. Katharina Kepplinger stellte die standortbezogene App mit der zugehörigen Beacons-Technologie vor. Besonders das Konzept hat mich überzeugt! Mit der App kann jeder Museumsbesucher in der Ausstellung austesten wie es ist, mit unterschiedlichen Nationalitäten in unterschiedliche Weltregionen zu reisen. Neben der wirklichen ansprechenden Lösung mit einem Serious Game haben mich Inhalt und Anwendung wirklich von einer App-Lösung überzeugt. Ich kann sogar sagen, es ist die allererste Museumsapp, die mich wirklich beeindruckt hat und die ich hoffentlich bald ausprobieren kann.

Ein weiteres Highlight für mich war der Vortrag von Violetta Rudolf von past[at]present. Das junge Team von HistorikerInnen und KulturwissenschaftlerInnen hat es sich zur Aufgabe gemacht, an der Schnittstelle von Wissenschaft und Öffentlichkeit, unsere Geschichte mit innovativen Formaten zu vermitteln. Die Umsetzung wird dann auch gleich erforscht. Ich habe den Eindruck, dass machen sie richtig, richtig gut. Vorgestellt hat Violetta Rudolf die Projekte „Wo Gras drüber wuchs – Das Tempelhofer Feld im Nationalsozialismus“ und „kudamm’31. eine unerhörte Geschichte“. Beide sind sehr unterschiedlich, in ihrer Innovation jedoch gleich spannend. „Wo Gras drüber wuchs“ ist ein Geocaching-Projekt, das den Nutzer dazu einlädt die Geschichte des Tempelhofer Feldes auf drei verschiedenen Routen ganz neu kennenzulernen. Eingeflossen sind die Ergebnisse aktuellster Grabungen. Wer sich darauf einlässt wird mit historischen Dokumenten, Zeitzeugenberichten, Interviews und Fotos belohnt.
Das Projekt „kudamm’31“ vermittelt die Vorgänge des 12.9.1931, die als „Kurfürstendamm-Progrom“ in die Geschichte eingegangen sind. Per GPS kann auf 45 Audiofiles zugegriffen werden, die mit Hilfe von Radio Aporee lokal mit dem Kudamm verknüpft sind. (Radio Aporee ist übrigens auch ein sehr spannendes Projekt) Die App lässt es zu, die Files bereits im Vorfeld zu speichern, so dass man diese offline abrufen kann. Die angespielten Beispiele haben mich sehr bewegt und ich hoffe ich finde bald Zeit, mich am Kudamm mal ganz neu „umzuhören“. Die Arbeit der jungen Wissenschaftler von past[at]present werde ich ab jetzt fleißig verfolgen und ich bin sehr gespannt welche Projekte noch folgen werden. Ich hoffe auch wer so vorbildlich mit den dunklen Abschnitten unserer Geschichte innovative Vermittlungsprojekte umsetzt, bekommt in Zukunft noch größere Aufmerksamkeit von einem breiten Publikum.

Einige unausgesprochene Problematiken

Ich habe die MAI-Tagung sehr genossen und habe viele Eindrücke mitgenommen. Besonders wichtig finde ich, Projekte und auch meine persönliche Arbeit regelmäßig zu reflektieren und zu hinterfragen. Natürlich redet niemand gerne über Probleme oder Bedenken, aber aus diesen kann man oft am meisten lernen. Das Internet und die digitale Welt sind kein Neuland mehr und doch erschließen die Kulturinstitutionen im deutschsprachigen Raum diese Ebene der Gesellschaft noch zaghaft und langsam. Am ersten Tag wurden deshalb wahrscheinlich vor allem Apps vorgestellt. Ja Apps sind toll und begleiten unseren Alltag, aber sind sie immer sinnvoll? Sind sie immer gut umgesetzt? Nein! Nicht umsonst verschwinden die meisten wieder recht schnell vom Markt. Eine Sache hat mich deshalb tatsächlich zwischendurch geärgert, eine andere hat mich nachdenklich gemacht.

Geärgert habe ich mich über den Zustand, dass viele Museen neue Wege gehen, diese aber nicht kommunizieren oder gar bewerben. So wurden mir zwei Apps zu Ausstellungen vorgestellt, die ich besucht habe, jedoch ohne zu wissen, dass die Apps existieren. Erklärung: Es gab zwar Gelder für die Umsetzung, aber nicht fürs Marketing. Liebe Stiftungen, Förderer und Museumsleute, diese Einstellung verschwendet Ressourcen! Apps sind aufwendig und kosten viel Zeit und Energie in der Entwicklung. Wenn man nicht in der Lage ist, diese dann auch bekannt zu machen, lasst es. Es ist kein Muss eine Ausstellungsapp zu haben, wenn nicht gar bei kurzen Wechselausstellungen sogar Schwachsinn. Es ist auch nicht immer die beste Lösung mit Studenten zu arbeiten, manchmal braucht man einen professionellen Spieleentwickler. Den Aspekt werde ich hier nicht weiter thematisieren, weil dazu bereits ein Blogbeitrag existiert. Auch die Fragen nach den Endgeräten, die bedient werden sollen, ist keineswegs marginal. Jeden Gerätetyp, den man ausschließt, hält ganze Personenkreise davon ab, die App zu verwenden. Eine genaue Zielgruppenanalyse sollte dem ganzen schon voran gehen. Im Zweifel wissen Eure Besucher ohnehin was sie möchten! Einfach mal nachfragen 😉 Ich würde mir wirklich wünschen, dass das Thema „Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit von Apps im Kulturbetrieb“ endlich ausführlich diskutiert wird, sonst haben wir bald unser eigenes „Un-Wort“ geschaffen.
Vielleicht könnten die Häuser sich auch erstmal WLAN zulegen, damit auch die Rahmenbedingungen für Apps vorhanden sind. Das Datenvolumen der meisten Menschen ist schließlich begrenzt und ich bin tatsächlich nicht ohne weiteres bereit dieses für irgendeine App aufzubrauchen. Mal ganz davon ab, dass auch noch Speicherplatz auf dem Gerät vorhanden sein muss. Die letzten Museumsapps, die ich testen wollte, hatten locker 200MB, die kann ich gar nicht entbehren auf meinem Smartphone. Das klingt alles banal, sollte aber dringend bei der Planung und Konzeption einer App berücksichtigt werden.

Nachdenklich gemacht hat mich die Vorstellung von der Rummelsburg-App durch Thomas Irmer und Klaus König. Im Großen und Ganzen hat mich die App erstmal überzeugt! Die Idee mit einer App die laufende „Open-Air-Ausstellung“ an einem historischen Ort zu erweitern, die für jeden verfügbar ist, finde ich super. Die gezeigte Ausstellung umfasst die Zeit vom Kaiserreich bis zur friedlichen Revolution 1989, die App thematisiert die Zeit des Nationalsozialismus und der DDR. Auch hier wurde erreicht ein dunkles Kapitel der Geschichte sinnvoll darzustellen. Die gezeigten Ansichten haben mich vom Konzept überzeugt und auch die Umsetzung ist stimmig und dem Thema angemessen. Überhaupt nicht gefallen hat mir allerdings der Teil der App, der sich an Kinder ab 10 Jahren richtet. Diese sollen durch spielerische Elemente (Puzzle) und eigene Inhalte die Geschichte des Ortes erfassen und bekommen bei vollständigen Puzzle noch ein Überraschungsvideo. Als ich dieses „Belohnungsvideo“ für den erfolgreichen Abschluss der Tour gesehen habe, war ich entsetzt. Da erzählt ein ehemaliger Häftling der DDR eine „lustige“ Anekdote aus seiner Zeit in der Haftanstalt. Die Inhalte sind zwar für Kinder aufbereitet, keine Frage, aber was soll das? Lustige Geschichten gegen Puzzleteile, wenn es um Themen wie Drittes Reich und DDR-Haftanstalten für „Asoziale“ (damals offizielle Bezeichnung) geht. Da haben wir im Netz gerade erst über Banalität in der Vermittlung diskutiert und dann lernt man geradezu ein Paradebeispiel dafür kennen. Ich bin wirklich dafür, dass Kinder unsere Geschichte kennenlernen, aber es gibt auch heute noch andere Möglichkeiten dafür. 10-jährige sollten vielleicht lieber mit einem direkten Ansprechpartner bzw. den Eltern historische Orte kennenlernen. Vielleicht ist manchmal ein richtig gutes Buch für die Altersgruppe angemessener. Vielleicht sollte man auch erst generell mehr geschichtliches Vorwissen haben, mit 10 ist man immerhin erst in der 4. Klasse, der wichtige Geschichtsunterricht kommt also erst noch. Warum Kinder nicht erstmal für Geschichte begeistern bevor man gleich an die richtig harten Themen geht. Geschichtliche Ereignisse muss man schließlich auch erfassen und einordnen können. Dafür braucht man Bezugspunkte. Eine Tour für Jugendliche könnte mich eventuell noch überzeugen, aber dieses Konzept kann ich nur schwer nachvollziehen, obwohl ich die App an sich sehr gelungen finde. Eine Diskussion über App-Lösungen für Kinder sollte vielleicht auch mal geführt werden.

Weitere Berichte zur MAI-Tagung werden hoffentlich noch von anderen Teilnehmern folgen, denn es war wirklich zuviel um über alles zu schreiben. Einen guten Blick auf Tag 1 hat Anke von Heyl.